Freihandel – eine Theorie mit Realitätsproblemen

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Freihandel ist ein heißes Diskussionsthema geworden. Auch deshalb, weil Donald Trump die Kündigung von Freihandelsabkommen zum Wahlkampfhit machte. Die gegen TTIP kämpfende europäische Linke muss erschrocken wahrnehmen, dass nicht nur dieser rechte Milliardärskasper, sondern auch viele andere nationalistische Bewegungen neuerdings ebenfalls gegen solche Abkommen auftreten.

Trotzdem kann man sich als markt- und kapitalismuskritischer Mensch seine Kritik ja nicht deshalb plötzlich verkneifen, weil rechte Parteien das Thema aufgreifen und nationalistisch wenden. Die Kritik am Freihandel hat schon ihre Gründe und sie führt keineswegs in simplen Protektionismus.

Freihandel: Immer positiv?

Wir wollen es uns hier ersparen, die Urversion der Freihandelslehre breit darzustellen: Ricardos Theorie von den komparativen Kosten ist weitgehend bekannt und in Wikipedia nachlesbar. Freihandel ist demnach immer positiv, da sich jedes Land auf das spezialisiert, was es am besten kann. Das klingt erst einmal logisch und unbestreitbar, setzt aber ein paar sehr spezifische Annahmen voraus. Im klassischen Zwei-Länder-Zwei-Güter-Fall unter anderem, dass beide handelnden Länder beide Güter herstellen können und sich in der Ressourcenausstattung nicht unterscheiden, da die einzige Ressource die menschliche Arbeit ist. Der Unterschied zwischen den Ländern liegt lediglich in der Produktivität.

Allerdings weicht die Realität gerade bei Industrieländern dann doch deutlich vom Modell ab. Nehmen wir beispielsweise Frankreich und Deutschland:  Frankreich ist  berühmt für Wein und Käse – aber auch Deutschland produziert Emmentaler, Trollinger und Riesling. Klare Spezialisierungsmuster sind kaum zu erkennen. Ganz im Gegenteil exportiert Deutschland Autos und Maschinen nach Frankreich und Frankreich  Autos und Maschinen nach Deutschland. Der Handel erfolgt also nicht in erster Linie zwischen unterschiedlichen Produkten (interindustrieller Handel), sondern dieselben Produktgruppen werden sowohl exportiert als auch importiert (intraindustrieller Handel). Und schon läuft das klassische Spezialisierungsmodell ins Leere und ein allgemeiner Nutzen durch Freihandel lässt sich daraus nicht mehr so richtig begründen.

Auch Weiterentwicklungen des komparativen Vorteils sind von der Realität entfernt. Heckscher-Ohlin und die diversen Varianten dieses Ansatzes gehen, anders als Ricardo, von Unterschieden in der Faktorausstattung aus. In das Freihandelsmodell werden Arbeit und Kapital als zwei unterschiedliche Ressourcen eingeführt. Land A hat viel Arbeit und wenig Kapital, Land K hat umgekehrt viel Kapital und relativ weniger Arbeit.  Daraus folgt dann eine Spezialisierung nach dem reichlich vorhandenen Faktor. Land K spezialisiert sich auf kapitalintensive Produkte, Land A auf arbeitsintensive.

Hier wird also eher das Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern beschrieben. Allerdings keineswegs stimmig, denn auch dieser Ansatz geht merkwürdigerweise davon aus, dass beide Länder beide Produkte herstellen können und sogar über ähnliche Technologien verfügen. Wesentlich für dieses Modell  ist die Prognose eines „Faktorproportionenausgleichs“, der eine Angleichung der Löhne herstellt. Durch die Spezialisierung auf arbeitsintensive Produkte und durch den Freihandel steigt in Land A die Nachfrage nach Arbeit und damit steigen die Löhne. Die Einkommensniveaus der Länder gleichen sich an.

Ein Blick auf die Wirklichkeit zeigt uns: Das kann sein – muss aber nicht sein. Das im Modell dargestellte Spezialisierungsmuster gibt es. In einigen Fällen, wie vor allem im Fall China, hat es zumindest dazu beigetragen, dass Löhne und Einkommen fühlbar stiegen. In anderen Ländern, nehmen wir Bangladesch, ist davon, trotz Wachstum, wenig zu sehen.

Sinkende Terms of Trade

Gegen das Dogma, dass Freihandel immer und für alle positiv sein muss, gibt es einige theoretische Einwände. Die Annahmen der Freihandelstheorie beinhalten implizit, dass es keine Nachfrageprobleme gibt. Die durch Spezialisierung und Export erweiterte Produktion ist im Modell also stets absetzbar, Arbeitslosigkeit kommt nicht vor. Dass es in Wirklichkeit sehr wohl Mengen- und Preisrestriktionen gibt, behauptet dagegen die Theorie von den sinkenden Terms of Trade (Prebisch/Singer). Sie besagt, dass arbeitsintensive Produkte im Austausch gegen technologie- und kapitalintensive Produkte prinzipielle Nachteile haben. Das Beispiel Textilproduktion kann das illustrieren: Zur Textilproduktion ist wenig Knowhow und wenig Kapital notwendig. Sie kann deshalb überall ohne große Investitionen aufgenommen werden, am profitabelsten da, wo die Löhne niedrig sind. Das Angebot ist also leicht zu erstellen und leicht auszuweiten. Die Nachfrage dagegen ist eher inflexibel. Bei steigenden Einkommen in den reicheren Ländern steigt die Nachfrage nach Textilien nicht proportional mit. Steigende Einkommen werden eher in Automobile, Wohnungen, technische Ausstattungen oder Dienstleistungen fließen, als in T-Shirts. Was dazu führt, dass die relativen Preise von Textilien sinken. Das arbeitsintensive Land muss demnach immer mehr exportieren, um seine notwendigen Importe finanzieren zu können. Sinkende Terms of Trade beschreiben also den Sachverhalt, dass (angenommen) Land A vor zehn Jahren 10.000 T-Shirts exportieren mussten, um einen Traktor zu importieren, während heute (angenommen) 20.000 T-Shirt für einen Traktor nötig wären.

Damit ist die Vorstellung von einem zumindest annähernd gleichen Nutzen aller am Freihandel Beteiligten nicht mehr haltbar. Der Nutzen kann extrem ungleich verteilt sein. Statt sich, wie versprochen anzunähern, können die Einkommensniveaus auch auseinanderdriften.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob es auch zu negativem Nutzen kommen kann, also ob ein Land durch Freihandel Schaden erleiden, durch Handel nicht reicher, sondern ärmer werden kann.

Es ist in einzelnen Konstellationen sehr wohl möglich, dass exportlastiges Wachstum bei arbeitsintensiven Ländern Verluste wegen sinkender Terms of Trade hervorruft.  Wenn man die Annahme der Theoriemodelle aufgibt, dass jede am Handel beteiligte Volkswirtschaft die importierten Güter auch selbst herstellen kann, fällt die Behauptung, Freihandel könne nie negativ werden, in sich zusammen. Bleiben wir bei dem Textil-Traktoren Beispiel: Wenn der Textilpreis massiv fällt, wird es irgendwann für das arbeitsintensive Land attraktiv, Traktoren selber herzustellen. Es sollte also weniger Textilien produzieren, stattdessen die Produktion von Traktoren aufnehmen und dadurch, wie es so schön heißt, seine Wohlfahrt maximieren. Allerdings ist diese Vorstellung für viele arbeitsintensive Länder unrealistisch. Die Möglichkeit, in die Produktion kapital- und-  technologieintensiver Produkte einzusteigen, ist dort häufig nicht gegeben. Land A bleibt dem Preisverfall ausgeliefert. Weswegen die Behauptung, Freihandel sei immer vorteilhaft, eben schlichtweg nicht begründbar ist.

Gewinner und Verlierer

Empirisch ist es ein wenig schwierig, aktuelle und aussagekräftige Terms of Trade-Berechnungen für nicht rohstoffproduzierende Entwicklungsländer zu erhalten. Ältere Untersuchungen zeigen jedenfalls ein deutliches Sinken der Terms of Trade für diese Länder in den letzten Jahrzehnten.

Terms of Trade: (Index 100 = Jahr 2000)
1980 2006
ökonomisch sich entwickelnde Länder 117 107
Hauptexporteure von Fertigwaren unter den sich ökonomisch entwickelnden Ländern 109 85

Der Trend dürfte sich auch in den letzten Jahren nicht umgekehrt haben. Beispielsweise sind die Terms of Trade für Deutschland von 2010 bis 2015 von Index 100 auf 104 gestiegen.  Das deutet darauf hin, dass die Industrieländer weiterhin steigende Austauschverhältnisse auf Kosten der Entwicklungsländer verzeichnen und damit die Hauptprofiteure des globalisierten Handels sind und bleiben.

Auch ein Blick auf die weltweite Entwicklung zeigt das: Es gibt keine generelle Tendenz zur Angleichung der Lebensverhältnisse in der globalisierten Wirtschaft, also keinen generellen „Faktorproportionenausgleich“. Einerseits gibt es Gewinner. Neben einigen Industrieländern ist das unter anderem China, das sich aber niemals irgendwelchen Freihandelsdogmen unterworfen hat, sondern seine Entwicklung durch robuste wirtschaftspolitische Regulierungen erschlossen hat.

Andererseits ist eine Vielzahl von Ländern, gemessen am Weltdurchschnitt, signifikant zurückgefallen. Dazu gehören unter anderem Pakistan, Kolumbien, Südafrika, Kenia, Nigeria, Paraguay, Marokko.

Nimmt man die durchschnittlichen Einkommen pro Land als Bezugsgröße, dann hat sich die Ungleichheit zwischen den einzelnen Ländern der Welt seit 1980 etwas reduziert, was vor allem am deutlichen Wohlstandsanstieg ostasiatischer Länder liegt.  Aber immer noch ist das Durchschnittseinkommen der Industrieländer dreimal so hoch wie der Weltdurchschnitt, während die Entwicklungsländer bei rund 60 Prozent des Weltdurchschnitts liegen.

Fazit

Handel kann zur Entwicklung beitragen, wenn er in einer stimmigen wirtschaftspolitischen Strategie sinnvoll genutzt und entwickelt wird. Freihandel (und freier Kapitalverkehr) als Dogma, als alles bestimmendes Grundprinzip der Ökonomie, ist allerdings entweder ideologischer Unsinn oder bloße Machtpolitik von Industriestaaten und internationalen Konzernen. Eine generell positive Wirkung von Freihandel (und dereguliertem Kapitalverkehr) lässt sich weder theoretisch noch empirisch begründen und nachweisen.

Das alles bedeutet aber keineswegs Zustimmung zu Protektionismus à la Trump. Die Alternative zum Freihandel ist nicht ein grobschlächtiges „Grenzen dicht“, um alte (umweltschädliche) Industrien zu schützen. Die Alternative wäre ein gerechtes Weltwirtschaftssystem, das gerade auch den ärmeren Ländern Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.