Trotz Digitalisierung – kein Geld für Qualifizierung

2012 | spencer cooper, Flickr | CC BY-ND 2.0

Die Digitalisierung macht die Qualifizierung der Beschäftigten immer wichtiger. „Lebenslanges  Lernen  ist  Grundvoraussetzung,  um  mit  der  abnehmenden  »Halbwertzeit  des  Wissens« Schritt halten zu können“, verkündet der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA). Die betriebliche Realität sieht aber immer noch anders aus.

Den meisten Beschäftigten „fehlt es für Weiterbildungen an Zeit und Angeboten, um im Job mit den Anforderungen der Digitalisierung Schritt halten zu können“, sagt Bitkom, der Branchenverband der deutschen Informations- und Telekommunikationsbranche. Deren Untersuchung zeigt: 72 Prozent der abhängig Beschäftigten beklagen, dass während der Arbeit keine Zeit für eine Weiterbildung zum Umgang mit digitaler Technik ist, 39 Prozent sagen, ihr Arbeitgeber setze zwar vermehrt auf die Digitalisierung, sorge aber nicht für die erforderliche Weiterbildung. „Lebenslanges Lernen muss raus aus dem Podiumssprech und rein in die unternehmerische Praxis“, fordert Bitkom-Präsident Achim Berg. Auch eine Studie des Personaldienstleisters Hays zeigt die Mängel auf: Eine Befragung von Wissensarbeitern ergab, dass 62 Prozent der Befragten die Weiterbildung in Eigenregie vornehmen, 59 Prozent davon in der Freizeit. Dabei sei den Befragten die Bedeutung der regelmäßigen Qualifizierung klar. Hier scheint die Logik der „agilen Führung“ zu herrschen, nach der immer mehr Aufgaben auf die Beschäftigten selbst übertragen werden, im Sinne der Kostensenkung auf Unternehmenssicht. Dabei ist 58 Prozent der befragten Wissensarbeiter klar, dass sie Erlerntes „im Zuge der Digitalisierung immer häufiger über Bord werfen müssen“.

Auch die IG Metall verweist auf Mängel der betrieblichen Weiterbildung: Beschäftigte ohne Berufsabschluss nehmen nur zu 22% an betrieblicher Weiterbildung teil. Gerade die von ihnen besetzten Arbeitsplätze sind am stärksten bedroht, zunehmend automatisiert zu werden. Auch die Arbeit von Fachkräften unterliegt dem digitalen Wandel und erfordert ständige Weiterbildung. Diese Beschäftigtengruppe nimmt bisher nur zu 36% an betrieblicher Weiterbildung teil (siehe „Berufsbildung Aktuell – BBAktuell“, August 2017).

Dabei wird die Qualifikation für die Arbeitnehmer verstärkt zur Voraussetzung für den Erhalt des Arbeitsplatzes. Nur qualifizierte Arbeitnehmer können mit neuer Technik anforderungsgerecht umgehen. Die mit der Digitalisierung „einhergehenden Strukturverschiebungen und Veränderungen von Arbeitsplätzen sind erheblich“, so das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Eine große Bedeutung haben Bildung und Weiterbildung: „Wenn die Anforderungen stetig steigen, ist neben einer soliden Erstausbildung auch lebenslange Weiterbildung erforderlich. Hier kommt es auch darauf an, die gerade in Deutschland deutlich sichtbaren Vorteile formaler Qualifikation mit flexiblem Kompetenzerwerb zu verbinden“. Aufgaben ändern sich, es entstehen neue Tätigkeitsprofile. So wichtig die Hochschulausbildung bliebe, so liegen „unsere Stärken im berufsbildenden System und seiner Verzahnung von Theorie und Praxis. Eine aktive– und nicht nur reaktive – Politik entwickelt diese Stärken gezielt weiter, um Menschen aus- und weiterzubilden, die die Umsetzung von Industrie 4.0 in den Betrieben in die Hand nehmen können“, betont das IAB.

Ein gesetzlicher Anspruch auf Weiterbildung fehlt weiterhin. Vielmehr ruft Thorben Albrecht, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium Unternehmen und Gewerkschaften zu Aktivitäten auf: Das Prinzip des „Lebenslanges Lernen“ müsse von verschiedenen Akteuren unterstützt werden. Die Unternehmen sollten die Qualifizierungsangebote hinterfragen und prüfen, was angepasst werden muss. Die Betriebsräte wiederum sollten die Initiative ergreifen und Weiterbildungsangebote zum Schutz bestimmter Arbeitnehmergruppen einfordern. „Auch die Beschäftigten selbst müssten Verantwortung für ihre eigene Qualifizierung übernehmen“, bleibt er vage.

Der DGB spricht vom „Stiefkind Weiterbildung“: „Der Stillstand in der betrieblichen Weiterbildung ist fahrlässig. Arbeitgeber klagen zwar über den Mangel an Fachkräften, aber tun viel zu wenig, um die eigenen Beschäftigten fit zu machen“, sagt DGB-Vorstand Annelie Buntenbach. Vor der Bundestagswahl hat der DGB ein bundesweites Weiterbildungsgesetz gefordert, „das klar regelt, wie die Freistellung für Weiterbildung läuft und von wem die Weiterbildung der Beschäftigten finanziert wird“. Die Forderung ist weiter aktuell!

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