Digitalisierung: Agenda Setting im Unternehmensinteresse

2017 | MadFishDigital, Flickr | CC BY 2.0

Die Diskussionen bei der isw-Veranstaltung „Digitalisierung in den Betrieben – geht uns die Arbeit aus?“ zeigen auf, dass die Digitalisierung vorangetrieben wird. Von Unternehmensseite wird ein – so der neudeutsche Begriff – „Agenda Setting“ betrieben, indem Begriffe besetzt werden: Veränderungen infolge digitaler Arbeit werden als zunehmend positiv beschrieben und als „alternativlos“ dargestellt.

Ein Beispiel liefert die Bundesregierung im Weißbuch Arbeiten 4.0: „Heute gibt es neue Bilder davon, wie wir gerne arbeiten möchten: Da ist der kreative Wissensarbeiter, der am See sitzt, den Laptop auf dem Schoß.“, verkündet das „Weißbuch Arbeiten 4.0“ der Bundesregierung einleitend. Die Probleme durch ständige Erreichbarkeit oder das zunehmende Übergreifen der Arbeit in die Freizeit werden dabei nicht thematisiert. Die Arbeit belastet zunehmend, es kommt zu einer auffallenden Intensivierung. 41 Prozent der Arbeitnehmer klagen, dass ihnen aufgrund der starken Arbeitsbelastung häufig die Energie fehle, sich am Feierabend der Familie oder Freunden zu widmen. Das ergab eine repräsentative Befragung von Beschäftigten durch den DGB.

Trotzdem wird moderne Technik mit großen Versprechungen verbunden – mit „Mehr Vertrauen, mehr Verantwortung, mehr Selbstbestimmung“ sieht Professor Carsten C. Schermuly von der SRH Hochschule Berlin eine Entwicklung im Sinne der Beschäftigten.

„Egal ob es um Homeoffice, flexible Teamstrukturen oder standortübergreifendes Arbeiten geht – alles schon heute möglich“, betont Oliver Tuszik, Cisco-Geschäftsführung. „Die Vorteile dieser Entwicklungen liegen für Unternehmen auf der Hand: Zufriedenere und selbständigere Mitarbeiter“. „Das Schöne an der modernen Form der Organisation ist, dass nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die meisten Führungskräfte ihre Arbeit als sinnvoller erleben werden“, verspricht Schermuly, Autor des Standardwerks „New Work – Gute Arbeit gestalten“.

Dieses „Schöne“ müsse aber auch gestaltet werden, verdeutlichen die Befürworter der ungeregelten Digitalisierung: „Besonders förderlich für die Unternehmenskultur sind Veranstaltungen, bei denen das gesamte Unternehmen zusammenkommt und jede Abteilung ihre aktuellen Projekte vorstellen kann. Mitarbeiter bekommen durch diese Events Lob und Anerkennung ihrer Kollegen – für viele ist das eine größere Motivation als Geld“, erläutet Erdal Ahlatci, Geschäftsführer des Berliner Videotechnologie-Anbieters movingimage, die Strategie seines Unternehmens.

Thomas Sattelberber will nicht mehr von „Angestellten“, sondern von „Unternehmensbürgern“  sprechen. Denn die Digitalisierung sei ein „Aufbruch zu mehr Freiheit“, betont Unternehmensberater Sattelberger.

Die betriebliche Realität sieht anders aus. Wie weit die technischen Neuerungen schon fortgeschritten sind, zeigt eine Befragung von Betriebsräten durch das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung offenbart. In 98 Prozent der Betriebe wird mit dem Internet gearbeitet, 88 Prozent setzen Diensthandys ein, 50 Prozent Tablets. 38 Prozent führen elektronische Personalakten, ein Drittel nutzt Social Media und ein Fünftel Roboter. In beinahe jedem dritten Betrieb ist es „verbreitet“ oder „sehr verbreitet“, dass Arbeit durch Computer erfasst wird.

Banken und Versicherungen schreiten hier voran: 87 Prozent der Betriebsräte dieser Branchen bestätigen eine Zunahme der Arbeitsintensität in den vergangenen Jahren. Das sind neun Prozentpunkte mehr als in der Gesamtwirtschaft, wo 78 Prozent eine Verdichtung konstatieren. Häufiger als in anderen Branchen sehen Betriebsräte in der Finanzwirtschaft die „gewachsenen Belastungen als unmittelbare Folge der Digitalisierung“. Gerade die Beschäftigten in Banken und Versicherungen sieht die WSI-Wissenschaftlerin Elke Ahlers als „Verlierer der Digitalisierung“. Hier haben neue Computersysteme zwischen 2011 und 2016 in jedem dritten Betrieb Jobs gekostet.

„Erfolgreicher Wandel kann nur partnerschaftlich gestaltet werden“, behauptet die Hans-Böckler-Stiftung jüngst. Die Unternehmen schaffen aber derzeit Fakten – es wird Zeit, eine gewerkschaftliche Gegenstrategie zur Absicherung der Beschäftigten zu entwickeln!