Die USA auf dem Weg vom Handelskrieg zum heißen Krieg?

Handelsschiffe auf der Straße von Malakka – derzeit entscheidend für die Wirtschaft Chinas.

2017 | dronepicr, Flickr | CC BY 2.0

Referat beim Kasseler Friedensratschlag 2018

1. Handelskrieg gegen China

Viele der derzeitigen Konflikte hängen mit Verschiebungen der ökonomischen, militärischen und politischen Kräfteverhältnisse zu Ungunsten der USA und des „Westens“ zusammen. Wir befinden uns in einer Übergangsphase von einer unipolaren, von den USA geführten Weltordnung zu einer multipolaren Weltordnung. Entscheidend ist dabei der Aufstieg der asiatischen Schwellenländer, insbesondere Chinas, deren Anteil am Weltprodukt sich im Zeitraum von 1980 bis 2015 verachtfacht hat. Die Wachstumsrate Chinas war im Jahr 2017 dreimal so hoch wie die Deutschlands oder der USA.

China hat die USA als größte Wirtschaftsmacht überholt und ist die größte Handelsmacht weltweit. Während sich durch den Aufstieg Chinas und anderer Schwellenländer eine multipolare Weltordnung herausbildet, gibt es auf militärischem Gebiet eine unangefochtene Überlegenheit von USA und NATO.

Wird aber der relative Einflussverlust eines „absteigenden Hegemons“ durch das Ausspielen seiner militärischen Stärke zu kompensieren versucht, wächst Kriegsgefahr. Das umso mehr, wenn dieser relativ absteigende Hegemon USA seine militärische Stärke als Voraussetzung für den Erhalt einer, in seinen Augen alternativlosen, Weltordnung ansieht.

Der Chef der sog. Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfang Ischinger, im Spiegel am 01.09.2018:

Wir erleben einen Epochenbruch. Seit dem Zerfall der Sowjetunion war die Lage nie gefährlicher als heute.

Schon im Jahre 2015 diagnostizierte Ischinger: „Die internationale Ordnung zerfällt gerade“. Und Javier Solana, der frühere „Außenminister“ der EU schrieb 2015:

„Wir haben in einer Illusion gelebt. Für Jahre hat die Welt gedacht, dass der Übergang von einer unipolaren zu einer multipolaren Ordnung friedlich, ordentlich und stetig sein würde, mit neues Spielern wie China, Brasilien und der Türkei, die sich an den existierenden multilateralen Rahmen, auf eine natürliche, harmonische Art anpassen würden. Wie falsch wir lagen.“

Die Kernfrage lautet: Kann der „Westen“ seine Dominanz mit ökonomisch-politischen Mitteln durchsetzen und fortführen, …oder wird der Umbruch zunehmend in militärische Auseinandersetzungen übergehen? Die USA stemmen sich gegen die Herausbildung multipolarer Machtverhältnisse, wollen ihren Status als einzige Supermacht verteidigen und nehmen dazu den Iran und den strategischen Konkurrenten China ins Visier. Schon in der sog. Bush-Doktrin vom Jahr 2002 wird formuliert:

„Wir müssen versuchen zu verhindern, dass irgendeine feindliche Macht eine Region dominiert, deren Ressourcen … ausreichen würden, eine Weltmachtposition zu schaffen … Erklärtes Ziel der USA ist es, den Aufstieg etwaiger konkurrierender Mächte in derartigen Schlüsselregionen und insbesondere auf globaler Ebene, bereits im Keim zu ersticken“[1].

Der frühere Oberkommandierende der US-Landstreitkräfte in Europa, Frederick Hodges sagte auf einer Sicherheitskonferenz in Warschau, es gebe „eine sehr große Wahrscheinlichkeit“, dass Amerika sich in den nächsten 15 Jahren im Krieg mit China befinden werde[2].

Stephen Bannon, noch als Chefstratege Trumps: „Wir werden in den nächsten zehn Jahren Krieg mit China führen“. Trump spricht von gefährlichen Zeiten und großen nationalen Aufgaben. Er bekräftigte: „Wir müssen wieder Kriege gewinnen.

China ist die zentrale ökonomische wie gesellschaftspolitische Herausforderung der USA und des „Westens“. Es geht um eine systemische Auseinandersetzung zwischen der Führungsmacht des Kapitalismus USA und einer alternativen Macht -China, zwischen einer neoliberalen „Marktwirtschaft“ und einer Staatswirtschaft (als Misch-System: mit marktwirtschaftlichen, planerischen; kapitalistischen und sozialistischen Elementen), mit staatlichem Eigentum an 40% der Wirtschaftsleistung.

Das „Staatswirtschaftliche“ ist das rote Tuch für den Metropolenkapitalismus – das wurde ja bisher verteufelt. Und jetzt zeigt sich:

  • es hat einen ununterbrochenen, krisenfreien 40jährigen Aufstieg zur ökonomischen Macht Nr. 1 (BIP nach Kaufkraftparitäten) ermöglicht;
  • es hat die Lebensverhältnisse/-standard der 1,4 Milliarden Menschen entscheidend verbessert
  • es fordert den Westen jetzt auch im Hochtechnologiebereich heraus
  • Made in China 2025 wollen die USA zuvorderst blockieren und sanktionieren chinesische Großkonzerne;
  • es schafft ein alternatives Konzept der Globalisierung (Neue Seidenstraße): inkludierend und kooperativ; Aufbau der Infrastruktur;
  • und wird immer mehr zum Modell von Schwellen- und Entwicklungsländern.

Das z.T. kapitalistisch geprägte Wirtschaftsmodell Chinas unterscheidet sich in wesentlichen Punkten von dem neoliberalen Modell des „Westens“:

  • gesamtstaatliche Planung,
  • Regulierung des Kapitalverkehrs,
  • staatliche Kontrolle ökonomischer Schlüsselbereiche sowie von Grund und Boden
  • staatliche Investitionen in Industrie- und Infrastrukturprojekte;

…das sind Kernelemente des ökonomischen Ordnungsmodells Chinas.

Eine Antwort der USA auf den drohenden Hegemonieverlust ist der jetzt angezettelte Handelskrieg. Diese jetzt von Trump erklärten Handelskriege und die Eskalation von Sanktionen und Gegensanktionen bergen die Gefahr von Kriegen auch zwischen Großmächten.

In der SZ schreibt Jahn Willmroth: …nicht von ungefähr hat sich der Begriff Handelskrieg etabliert für das, was der Welt möglicherweise bevorsteht. Handelsschranken können Waffen sein, und wer diese einsetzt, wird sich auch anderer Methoden bedienen, sobald es ernst wird…

Die Begründung Trumps für seinen Handelskrieg mit China, China habe den USA Jobs gestohlen, hält den Fakten nicht stand[3]. Tatsache ist: In den USA wurden allein zwischen 2001 und 2013 über drei Millionen Technologiearbeitsplätze, insbesondere in der Computer- und Elektronikindustrie abgebaut und in die Billiglohnländer, nach Asien, vor allem nach China ausgelagert. 65% der Exporte aus China in die USA kamen 2003 von US-Unternehmen die in China produzierten.

Die USA fühlen sich weniger militärisch von China bedroht als davon, dass die chinesische Modernisierung die technologische Überlegenheit der USA in Frage stellt. Sollten die USA mit ihrem Handelskrieg gegen den strategischen Hauptfeind China ihr Ziel nicht erreichen, China massiv zu schwächen um die US-Hegemonie aufrecht zu erhalten, bliebe als nächste Eskalationsstufe z.B. die Blockade der Seewege, auf denen China einen großen Teil seines Außenhandels realisiert, der nach Trumps Auffassung den US-Interessen entgegensteht.

2. China ist verwundbar

China ist der weltgrößte Nettoimporteur von fossilen Energieträgern und das Land mit dem weltweit höchsten Energieverbrauch[4].

„…China fühlt sich verwundbar. Es importiert 40% seines Erdgases, ist einer der weltgrößten Erdölimporteure und ein Gutteil dieser Importe passiert Meerengen, die theoretisch durch andere Mächte blockiert werden können. Etwa 80% seiner Ölimporte müssen durch die Meeresstraße von Malakka,  „…In diesem Rahmen rücken Gebietskonflikte Chinas bezüglich bestimmter Inseln mit Japan, den Philippinen, Vietnam und anderen Ländern in den Fokus“.

Mit zunehmender Integration Chinas in das globale Wirtschaftssystem, werden sich strategische chinesische Interessen nicht mehr nur auf das chinesische Meer, den indischen Ozean und den Pazifik beschränken. Mit dieser Integration verbunden sind weltweite Interessen Chinas z.B. an sicheren Handelswegen, die für chinesischen Im- und Export Voraussetzung sind. Daher erscheint es logisch, dass China zivile Häfen, das Projekt der neuen Seidenstraße, nutzt, um potentielle Embargos zu umgehen.

3. US-Stützpunkte – militärischer Schwenk der USA in die Pazifikregion

 „Die USA kreisen China militärisch ein, rüsten andere Staaten auf und richten dort Militärstützpunkte ein. Unmittelbar an der Westgrenze Chinas sind inzwischen in Turkmenistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan US-Militärs stationiert. Südlich von China liegen US-Stützpunkte in Thailand, Singapur und Diego Garcia. An der Ostgrenze wurden Stützpunkte in Japan erweitert, auf den Midway-, Wake- und Marschallinseln, auf Guam, Hawaii und Samoa. An der Nordspitze Australiens haben die USA einen zweiten Flottenstützpunkt ausgebaut. In Südkorea wurde eine zusätzliche atomwaffenfähige Raketenbasis installiert… 60% der strategischen US-Streitkräfte wurden in den Pazifikraum verlagert…[5]

Die FAZ resümiert: „Washington schließt damit in seinem Vorhof die Kette der Stützpunkte im Westen von Japan über Guam bis nach Hawaii“[6].

Seit Jahren haben die USA China mit einem Gürtel von etwa 20 größeren Militärstützpunkten immer mehr eingeschnürt. Dazu kommt eine verstärkte Präsenz der US-Pazifik-Flotte mit 200 Kriegsschiffen, darunter mehrere Flugzeugträger-Verbände; und die 5. US-Flotte im Indischen Ozean. In Japan und Südkorea haben die USA zudem gegen China gerichtete Raketenabwehrsysteme (Anti-Raketen-Raketen) installiert, die auch zum Boden-Boden-Mittelstrecken-Raketen-System umgerüstet werden. Dazu kommen Raketensysteme auf den US-Flugzeugträgern und U-Booten. Die FAZ bejubelt diesen Schwenk der USA zu verstärktem Engagement in Asien und die Militarisierung der Region:

„Für Asien und im Übrigen auch für die westliche Rüstungsindustrie ist die schon von Präsident Obama angekündigte, aber nie vollzogene Rückkehr Amerikas nach Asien eine gute Nachricht.“[7]

Während die USA in den unmittelbaren Nachbarstaaten zu China immer mehr Militärstützpunkte errichten, betreibt China keinen einzigen Militärstützpunkt in der Nähe der USA. Zwar entwickelt China eine Seeluftflotte und besitzt derzeit zwei Flugzeugträger (3. In Planung.). Zum Vergleich: USA 19, europ. NATO-Staaten 8, Russland 1 Flugzeugträger[8]. Italien 2 (!), Frankreich 4, Spanien 1, GB 2. Aber kein chinesisches Kriegsschiff patrouilliert auch nur in der Nähe der USA!

4. Osterweiterung der NATO in Europa

Zugleich erfolgt schon längst eine militärische Einkreisung Russlands durch die NATO. Mit dem größten Militäraufmarsch seit dem zweiten Weltkrieg rückt die NATO an die Westgrenze Russlands vor und deutsche NATO- Panzer stehen 75 Jahre nach dem deutschen Überfall wieder an den Grenzen Russlands.

Im März 1999 wurden Ungarn, Polen und Tschechien in die NATO aufgenommen. 2004 folgten Estland, Lettland und Litauen, Slowenien, Bulgarien und die Slowakei, Rumänien, Albanien und Kroatien. 2017 wurde Montenegro als 29. Mitglied bestätigt. Mit Bosnien-Herzegowina laufen Beitrittsverhandlungen. Damit sieht sich Russland zunehmend von NATO-Stützpunkten umgeben.

Von den 17 größten Kriegsübungen der NATO im Jahr 2017 fanden vier im baltischen Raum und drei im Schwarzmeergebiet statt. Zwei weitere in der Nordsee und Nordatlantik, bei der sich die NATO darauf vorbereitet, russische U-Boote auf den Weg in den Atlantik abzufangen.

5. Im militärischen Bereich sind die USA alles andere als ein „heruntergekommener Hegemon.“

Im Gegenteil: Die USA unterhalten – nach eigenen Angaben – 587 Militärstützpunkte in 42 Ländern[9]. Eine andere Zahl von 2015 aus „Atlas der Globalisierung“: Außerhalb der USA sind rund 400.000 US-Soldaten in mehr als 50 Ländern stationiert. Schon 2008 schreibt Egon Bahr: „Amerika verfolgt eine potentiell imperialistische Einkreisungspolitik gegenüber Russland.“[10]

Auf die USA entfallen mit über 700 Mrd. $ rund 35% aller weltweiten Militärausgaben. Damit geben die USA für Militär mehr aus, wie die acht nachfolgenden Staaten zusammen: China (228 Mrd. US-$), Saudi-Arabien (69,4 Mrd. US-$), Russland (66,3 Mrd. US-$), Indien (63,9 Mrd. US-$), Frankreich (57,8 Mrd. US-$), UK (47,2 Mrd. US-$), Japan (45,4 Mrd. US-$) und Deutschland (43,2Mrd. EUR)[11].

Im März 2018 beschloss der US-Kongress, dass die Militärausgaben im laufenden Jahr auf über 700 Milliarden steigen sollen, ein Plus von 15%. Allein diese Steigerung ist fast eineinhalbmal so groß wie der gesamte russische Militärhaushalt. Dagegen hat Russland laut SIPRI seine Militärausgaben 2017 gegenüber dem Vorjahr um fast 20% gekürzt.

Im Januar 2018 legten die USA eine neue Verteidigungsstrategie vor, in der Russland und China als strategische Gegner definiert werden. Darin heißt es, bezogen auf die Aktivitäten Chinas im Südchinesischen Meer, China sei ein strategischer Konkurrent, der „räuberische Ökonomien“ einsetzt, und seine Nachbarn militärisch einschüchtert. Die zentrale Herausforderung für Wohlstand und Sicherheit der USA sei das „Wiederaufleben eines langfristigen, strategischen Wettbewerbs“ mit „revisionistischen Kräften“.

Langfristige strategische Wettbewerbe mit China und Russland seien daher die Hauptprioritäten für die USA. „…Wir werden dafür sorgen, dass die Machtverhältnisse zu unseren Gunsten bestehen bleiben, und eine internationale Ordnung fördern, die unserer Sicherheit und unserem Wohlstand am förderlichsten ist.“

China und Russland werden zu Feinden erklärt

Im aktuellen Papier zur „Nationalen Sicherheitsstrategie“ der US-Regierung vom Dezember 2017 heißt es:

„China und Russland fordern die amerikanische Macht, ihren Einfluss und ihre Interessen heraus und versuchen Amerikas Sicherheit und Wohlstand zu untergraben. […] Unsere Aufgabe ist es sicherzustellen, dass die militärische Überlegenheit der USA weiterbesteht. […] Wir werden den Frieden durch Stärke wahren, indem wir unser Militär neu aufstellen, damit es vorherrschend bleibt, unsere Feinde abschreckt und, sofern erforderlich, in der Lage ist, zu kämpfen und zu siegen. Wir werden mit allen nationalen Machtmitteln sicherstellen, dass Regionen der Welt nicht von einer Macht dominiert werden.“

Damit macht das Pentagon deutlich, dass es nicht mehr im Terrorismus, sondern im militärischen Konkurrenzkampf mit Ländern wie Russland und China die größte Herausforderung sieht.

6. Ausstieg aus dem INF-Vertrag

In diese Strategie ordnet sich der vom Trump angekündigte (Intermediate-Range Nuclear Forces) ein. Darin verpflichteten sich die USA und die Sowjetunion 1987 auf die Entwicklung, den Besitz und die Stationierung von landgestützten Atomraketen mit einer (mittleren) Reichweite von 500 bis 5500 Kilometer zu verzichten. Die berüchtigtsten Mittelstreckenraketen waren damals die sowjetische SS 20 und die US-amerikanische Pershing II sowie die US-Cruise Missiles (Marschflugkörper) vom Typ „tomahawk“.

Der INF-Vertrag ist bislang das einzige Abkommen, das zu realer Atom-Abrüstung geführt hat; insgesamt 2692 Mittel- und Kurzstreckenraketen wurden verschrottet. Damit würden die USA nach dem Ausstieg aus dem ABM-Vertrag (ABM: Anti-Ballistic-Missile: Vertrag über die Begrenzung von Raketenabwehrsystemen, 1972 zwischen UdSSR und USA) und dem Iran-Atomabkommen aus dem dritten Vertrag aussteigen, der Rüstungen begrenzen und konkrete Abrüstungsschritte einleiten könnte. Auch der Ausstieg der USA aus dem Pariser Klima-Abkommen darf man getrost als Kriegserklärung verstehen. Eine Kriegserklärung gegen Umwelt und Menschheit.

Als Vorwand für den einseitigen Ausstieg musste wieder einmal die „Gefahr aus dem Osten“ herhalten, diesmal gleich dreifach: aus Russland, aus Fernost (China) und Nah-Ost (Iran). Die genannten Länder würden – so die USA – allesamt Mittelstrecken-Raketen stationieren, nur die USA hielten sich getreu an den Vertrag – so die US-Administration.

Zu etwaigen Verstößen gegen den INF-Vertrag stellte die Naturwissenschaftler*innen-Initiative u.a. fest:

Wenn es Verletzungen des INF Abkommens gegeben haben sollte, hat das INF-Vertragswerk dazu klare Regelungen. Die entsprechende Kommission der beiden Unterzeichnerstaaten muss einberufen werden. Dieses ist seit 2017 nicht mehr geschehen. Propagandistische Anklagen helfen nicht weiter und lenken von den wahren Motiven ungehemmter Aufrüstung ab.“

Und die regierungsnahe Stiftung Wissenschaft und Politik wies bereits im März 2018 auf diese Klausel hin: „Um die gegenseitigen Vorwürfe auszuräumen, wären wechselseitige Informationen und Inspektionen notwendig. Dazu müsste das 2001 beendete INF-Inspektionsregime reaktiviert und modifiziert werden“.

Weshalb kündigen die USA jetzt den INF-Vertrag?

Bei einer maximalen Reichweite von in Europa stationierten atomaren Mittelstreckenraketen von 5.500 KM könnten die USA alle relevanten militärischen und zivilen Ziele in Russland bis weit hinter den Ural bekämpfen und auslöschen. Umgekehrt aber könnten die russischen Raketenstreitkräfte mit Mittelstreckenraketen nicht die USA erreichen, sondern „nur“ Westeuropa bombardieren.

Im Fadenkreuz russischer Gegenschläge befände sich vor allem Deutschland, auf dessen Gebiet die meisten strategischen US-Militäreinrichtungen außerhalb der USA konzentriert sind: Atomwaffenlager Fliegerhorst Büchel, Ramstein Air Base, die größte Luftwaffenbasis der US Army in Europa, Kommandozentralen, wie Eucom, Centcom und Hauptquartiere usw.

Die USA könnten sich so Hoffnung machen, einen Atomkrieg auf dem Rücken ihrer Verbündeten auszutragen und zu gewinnen. Es ist die alte Illusion, einen „begrenzten Atomkrieg“ – in diesem Fall in Europa – führen zu können.

7. Die Aufkündigung des Atomabkommens mit dem Iran durch die USA

Die Verhandlungen wurden 13 Jahre lang von einer internationalen Sechsergruppe, den Vereinigte Staaten, Russland, die VR China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland mit Iran geführt. Durch das Abkommen sollte das iranische Atomprogramm so eingeschränkt werden, dass sich das Land nicht das Material zum Bau von Atomwaffen verschaffen könne. Im Gegenzug sollten die Wirtschaftssanktionen gegen das Land aufgehoben werden.

Bekanntlich ist das Gegenteil eingetreten. Die Sanktionen wurden Seitens der USA sogar weiter verschärft, obwohl sich Iran strikt an alle Vereinbarungen gehalten hat. Dies bestätigte die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) insgesamt elfmal seit Mitte 2015, als das Atomabkommen unterzeichnet wurde. Die Aufkündigung des Iranabkommens und die damit verbundenen Sanktionen sollen den Iran politisch destabilisieren und zur Wiederaufnahme seines Atomprogramms provozieren.

Damit trägt die US-Politik ein System der Spannungen oder gar die Gefahr einer militärischen Auseinandersetzung an die Grenze Chinas heran. Die Region um Iran ist einer der bedeutendsten Konfliktherde im 21. Jahrhundert. Der Globalstratege Zbigniew Brzezinski hat das ökonomische Interesse der USA an diesem Raum unmissverständlich formuliert: Wir wollen „ungehinderten Zugang zu dieser dem Westen bisher verschlossenen Region“ haben! Er bezeichnete die Region als „Schachbrett, auf dem sich auch in Zukunft der Kampf um die globale Vorherrschaft abspielen wird.“ Brzezinski beruft sich ohne Skrupel auf Hitler und dessen Ansicht, „dass Eurasien der Mittelpunkt der Welt sei und mithin derjenige, der Eurasien beherrsche, die Welt beherrsche.“[12]

8. „USA versus China: Der unausweichliche Krieg?“

…fragt Chas W. Freeman, ehemaliger stellvertr. US-Verteidigungsminister und Direktor des Thinktanks „Atlantic Council“[13]:

„Warum,“ fragt Freeman, „müssen wir uns den Kopf zerbrechen über die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen USA und China“ und nennt dafür zwei Gefahrenquellen: „Washington könnte seine Beziehungen zu Taipeh aufwerten, die Verpflichtung der Vereinigten Staaten auf eine Ein-China-Politik in Frage stellen, oder auf andere Weise seinen Kurs in dieser für den chinesischen Nationalismus heikelsten Frage ändern… Ein zweiter Grund könnte relevant werden: Während sich Washington hartnäckig von der Vorstellung leiten lässt, die vereinigten Staaten könnten Chinas Peripherie dauerhaft beherrschen, verliert diese Vorstellung in Asien stetig an Glaubwürdigkeit.

Amerikas Macht befindet sich sichtlich im Niedergang und dies nicht allen im Verhältnis zu China …alle Anzeichen sprechen dafür, dass beide Trends sich beschleunigen werden. Sie sind Ausdruck neuer Realitäten, die sich durch gesteigerte US-Militärausgaben nicht ändern, geschweige denn umkehren lassen…“.

„…China kann für die sieben Jahrzehnte seit der Gründung der Volksrepublik eine Bilanz strategischer Vorsicht vorweisen die zeigt, dass es Fragen der Nationalen Sicherheit lieber diplomatisch … als mit kriegerischen Mitteln löst. Peking bevorzugt zu seinem Selbstschutz eindeutig nichtkriegerische Maßnahmen, hat aber auch gezeigt, dass es zur Verteidigung der Grenzen und der strategischen Interessen Chinas durchaus bereit ist Krieg zu führen. In jenen Fällen, in denen Peking tatsächlich militärische Gewalt eingesetzt hat, geschah die bemerkenswert zielgerichtet, entschlossen, diszipliniert, zweckbegrenzt und ohne sich über Spielregeln hinweg zu setzen…“

Das sollte uns nicht beruhigen. In der neu entstehenden Welt-(Un)-Ordnung wächst die Kriegsgefahr. „Der Kapitalismus trägt den Krieg in sich wie die Wolke den Regen.“ Dieses Zitat des französischen Politikers Jean Jaurès zeichnet zwar ein anschauliches Bild, trifft die Sache aber nicht genau. Kriege werden von Menschen gemacht und können von Menschen verhindert werden. Sie entstehen eben nicht naturnotwendig, wie der Regen. Regen ist nicht verhinderbar, Krieg schon.

Diese Hoffnung, Kriege zu verhindern erklärt Mutter Courage ihren Kindern im gleichnamigen Stück von Bert Brecht:

„Es kommt der Tag, da wird sich wenden
Das Blatt für uns, er ist nicht fern.
Da werden wir, das Volk, beenden
Den großen Krieg der großen Herrn
Die Händler, mit all ihren Bütteln
Und ihrem Kriegs- und Totentanz
Sie wird auf ewig von sich schütteln
Die neue Welt des g´meinen Manns.
Es wird der Tag, doch wann er wird,
Hängt ab von mein und deinem Tun.
Drum wer mit uns noch nicht marschiert,
Der mach´ sich auf die Socken nun.“


[1] Prevent the Re-Emergence of a New Rival, NYT 8.3.92; zit. nach Marxistische Blätter 4/1992
[2] FAZ, 26.10.18
[3] Werner Rügemer – Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, S. 287
[4] Marc Botenga in Marxistische Blätter 1/15
[5] Werner Rügemer – Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, S. 287
[6] FAZ, 19.11.18
[7] FAZ, 19.11.18
[8] Gehrke, Reymann „Russland ist Partner“ in Marx. Blätter 6/18
[9] Department of Defense Base Structure Report FY 2015 Baseline
[10] Freitag, 28.8.08
[11] Alle Angaben nach SIPRI 2018
[12] Zbigniew Brzezinski: Die einzige Weltmacht, 1997
[13] Blätter für deutsche und internationale Politik 9/17