Wandel: Landwirtschaft statt Klima

2014 | Cecilia Schuberthttps://www.flickr.com/photos/ciliaschubert/, Flickr https://www.flickr.com/photos/ciliaschubert/14648021350/ | https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/CC BY-NC 2.0

2014 | Cecilia Schubert, Flickr | CC BY-NC 2.0

Egal, ob wir die hier erlebten Dürren der letzten Jahre, globale oder regionale Temperaturstatistiken betrachten: Der Klimawandel ist keine Zukunftssache, er ist Gegenwart. Die vergangenen fünf Jahre waren global die wärmsten. Weltweit hat sich die Temperatur bereits um 1°C erwärmt[1], hier in Deutschland sogar um 1,5°C. Was bedeutet das für die Landwirtschaft – und damit für sehr viele Menschen – und für unsere Ernährung? Wer kann und muss im Spannungsfeld zwischen Täter und Opfer wie agieren?

Viele bemitleiden oder beschimpfen die Landwirtschaft. Doch „die“ Landwirtschaft gibt es nicht. Selbst hier in Deutschland sind die Unterschiede enorm: Es gibt kleine Höfe, die mithilfe von arbeitsintensiven Betriebszweigen versuchen, aus wenig Fläche ein Einkommen zu bestreiten, ebenso wie Großbetriebe in den Händen von Investoren. Es gibt intensive Mast und Weidehaltung, Bio und konventionell, unabhängig von Größe und Ausrichtung. Es gibt konservative, innovative, linke wie rechte Bauernfamilien. „Den“ Berufsstand, wie der Bauernverband sagt, gibt es nicht.

Weltweit ist das Spektrum noch größer: Marginalisierte Familien ohne Zugang zu Ausbildung, lokale Eliten, Vertriebene, bäuerlicher Mittelstand, Indigene, Investoren, Landlose, Nomad*innen. Es reicht von Gentechnik bis zu ökologischer Wald-Landwirtschaft. Und der Klimawandel trifft uns alle.

Die globale Erwärmung erhöht die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterlagen stark[2]. Brände in Australien sind ebenso ein Beispiel dafür, wie große Überschwemmungen im südlichen Afrika oder starke Hurrikans an der Südküste der USA. Studien legen nahe, dass schon jetzt die Degradierung am Amazonas unwiederbringlich ist und der Wald sich nicht mehr erholen kann.

Dazu kommen noch lokal verursachte Klimaveränderungen. Der Süden Brasiliens z.B. wird durch sogenannte fliegende Flüsse mit Wasser versorgt. Wegen der Lage zwischen den Anden und einem atlantischen Küstengebirge kommen anders als im Amazonasbecken keine Regenwolken vom Meer durch. Das Wasser, das am Amazonas verdunstet, zieht weiter, regnet im Landesinneren erneut ab, verdunstet, zieht weiter, regnet wieder ab… Ist dieser Kreislauf durch Rodungen an einer Stelle unterbrochen, leidet eine große Agrarregion an Trockenheit. Schon jetzt herrscht im Süden des Landes Dürre. 

Landwirtschaft als Opfer…

Die Meere wirken wie die Klimaanlage des Planeten. Doch deren Oberflächentemperatur hat sich schon fast um 0,8°C erhöht. Dadurch nehmen extreme Wetterereignisse zu. Lang ausbleibende Niederschläge führen, verstärkt durch hohe Temperaturen, zu Dürren. Bei denen verdorren sowohl Feldkulturen als auch Futterpflanzen und deshalb verhungern auch Tiere. In Kombination mit starken Winden können sich Feuer auf riesigen Gebieten aus-breiten.

Die erhöhte Meerestemperatur verursacht auch Stürme sowie Überschwemmungen und verstärkt den El Niño-Effekt. Der ansteigende Meeresspiegel betrifft die oft besonders fruchtbaren Schwemmlandböden an Küsten und in Mündungsdeltas. Sie gehen durch Überflutung oder durch Versalzung für die landwirtschaftliche Nutzung verloren.

In den Tropen und Subtropen sind Hochlagen oft besonders dicht besiedelt und intensiv landwirtschaftlich genutzt, obwohl dort die ungleichmäßigen Niederschläge nicht ausreichen. Häufig sind sie abhängig vom Schmelzwasser der Gletscher. Doch diese sind am Schwinden – auch der Kilimandscharo verliert seine weiße Kappe. Bleibt das Wasser aus, geht auch die Lebensgrundlage der Menschen dort verloren.

Hier in Deutschland ist das Problem, dass es mehr stabile Wetterlagen[3] gibt: Also entweder lang anhaltende Trockenheit oder langanhaltender Regen. In manchen Regionen Norddeutschlands verrotteten 2017 die Kartoffeln auf dem nassen Feld, und 2018 gab es wegen Dürre kein Futter für die Tiere. Uns Landwirt*innen kam jegliche Planungssicherheit abhanden.

Theoretisch könnten die Pflanzen vom erhöhten C02-Gehalt der Luft profitieren, aber das hilft leider nicht, wenn das Wasser fehlt.

…und Täter

Landwirtschaftliche Tätigkeiten, und damit unsere Ernährung sowie viele der „benötigten“ Rohstoffe, tragen global 31% direkt zu dem Ausstoß klimaschädlicher Gase bei. Dazu kommen die Auswirkungen von Landnutzungsänderungen. Besonders in der Diskussion stehen die Rodungen im Amazonasgebiet. Allein durch die Brände dort, die der Aneignung und der Urbarmachung von Land dienen, wurden 2019 fast 400 Mio. Tonnen CO2 ausgestoßen. Abholzung war 2018 für 44% der brasilianischen Emissionen verantwortlich – 2019 waren es vermutlich noch mehr. Große Mengen an Treibhausgasen werden auch bei der Trockenlegung von Mooren freigesetzt. In Deutschland entspricht das 5%.

Doch die Klimawirkung ist auch von der Wirtschaftsweise abhängig. Bei zu starker Düngung oder Bodenverdichtung wird vermehrt Lachgas freigesetzt, das 265 Mal so klimaschädlich ist wie CO2. Die Produktion von synthetischem Stickstoffdünger ist sehr energieintensiv und verbraucht viel Energie.

Auch die Tierhaltung trägt viel zum Klimawandel bei, wie etwa durch die sogenannten Veredelungsverluste: Die Tiere nehmen ein Vielfaches der Kalorien auf, die später in Fleisch, Eier oder Milch enthalten sind. Besonders drastisch ist dies, wenn für das Futter Moore trockengelegt, Grünland umgebrochen oder Wälder für Weide- und Sojaflächen gerodet werden. Außerdem scheiden Wiederkäuer durch ihre besondere Verdauung Methan aus. Nicht zu vergessen ist, dass für alle landwirtschaftlichen Arbeiten und den Transport viel Energie benötigt wird.

Politische Rahmenbedingungen

Der Klimawandel wurde durch unser wirtschaftliches und politisches System verursacht. Daher muss die Politik tätig werden und einen Rahmen setzen, in dem Veränderung stattfinden kann. Hier folgen Ansätze, die sich explizit auf die Landwirtschaft beziehen. Selbstverständlich sind aber Maßnahmen in anderen Bereichen, wie der Stopp der Kohleverbrennung… nicht weniger notwendig!

  • Förderung von Landwirtschaft am Klima orientieren: Die EU setzt jährlich 58,82 Mrd. Euro für die Landwirtschaft ein. Diese Gelder werden momentan zum großen Teil gleichmäßig auf der Fläche verteilt, sie müssen stattdessen für ökologische und soziale Ziele vergeben werden,
  • Alle agrarpolitischen Maßnahmen auf ihre Klimawirkung überprüfen,
  • Keine Handelsabkommen abschließen, die ökonomische Interessen vor Menschenrechte und Umweltschutz stellen. Aktuell betrifft das vor allem das Mercosur-EU-Abkommen. Der brasilianische Präsident leugnet den Klimawandel, treibt die Ausbeutung des Amazonas voran, zerstört Schutzbehörden. Außerdem bekämpft er indigene wie bäuerliche Bewegungen zugunsten des Agrobusiness,
  • Indigene in ihrem Kampf für den Erhalt der Wälder unterstützen,
  • Einen wirksamen Kohlenstoff-Grenzmechanismus einführen. Ein Aufpreis auf klimaschädliche Importe, wie ihn die EU-Kommission ankündigt, würde die realen Kosten der Futtermittelimporte internalisieren,
  • Bei Einladungen von Politiker*innen und bei der Entwicklungszusammenarbeit Akteure unterstützen, die den Klimawandel bekämpfen und nicht jene, die ihn fördern,[4]
  • Futtermittelimporte einstellen. Momentan importiert Europa ca. 80% der Eiweißfuttermittel. Das heizt in Südamerika Landkonflikte und Rodungen an und führt hier zu Überdüngung. Deshalb ist eine Eiweißstrategie zur Selbstversorgung notwendig,
  • Gesunde Ernährung fördern und umsetzen: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung fordert, den Fleischkonsum auf 1-2 Portionen pro Woche zu begrenzen. U.a. könnte sich die EU bei dieser Ernährung selbst mit Futtermitteln versorgen,
  • Lebensmittelverschwendung reduzieren, z.B. Supermärkte verpflichten, Reste kostenlos bereit zu stellen.

Landwirtschaft

Das A und O in der Landwirtschaft ist der Humus. Er speichert Nährstoffe und Wasser, hilft also sowohl Trockenheit als auch Starkniederschläge abzupuffern. Gleichzeitig wird durch Humusaufbau viel CO2 im Boden gespeichert. Humus besteht hauptsächlich aus Kohlenstoff, CO2 enthält jedoch zusätzlich noch Sauerstoff. Deshalb entfernt der Aufbau einer Tonne Humus 1,8 t CO2 aus der Luft. Deshalb ist es auch wichtig, Grünland zu erhalten, denn es ist sehr humusreich und beim Umbruch wird viel CO2 freigesetzt. Kühe sind also nicht per se Klimakiller, vorausgesetzt sie tragen zum Erhalt von humusreicher Vegetation bei. Die Renaturierung von Mooren ist ebenfalls sehr effektiv.

Aufforstungen können lokalen Klimawandel rückgängig machen, führen zu häufigeren Niederschlägen und speichern CO2. Noch ist der Amazonasregenwald in der Lage 5% der menschlichen CO2-Ausstöße zu absorbieren. Im Erhalt der Wälder liegt daher einer der mächtigsten Schlüssel. Auch die Landwirtschaft kann sich dem natürlichen Wald annähern. Vor allem in tropischen Regionen ist eine Mischung aus Wald und Ackerbau möglich. In den gemäßigten Breiten sind nur Gehölzstreifen in den Feldern praktikabel.

Einsparpotentiale sind bei verbesserter Agrar- und Stalltechnik vorhanden. Arbeiten in lokalen Kreisläufen spart Energie und verhindert internationale Folgen.

Konsum

Doch auch Essen ist politisch.

  • Weniger tierische Produkte verbrauchen,
  • Auf Weidehaltung und Fütterung ohne Importfuttermittel, bzw. ganz ohne Kraftfutter, achten,
  • Bioprodukte kaufen. Sie verursachen durchschnittlich 10-35% weniger C02-Ausstoß,
  • Lokal und saisonal konsumieren. Das spart Energie beim Transport, beim Heizen von Gewächshäusern und beim Lagern in Kühlhäusern,
  • Frische Ware bevorzugen. Tiefkühlprodukte verbrauchen sehr viel mehr Energie.
  • Eingeflogenes Obst oder Gemüse boykottieren,
  • Selbst anbauen, was möglich ist: vom Blumenkasten bis zum Schreber- oder Gemeinschaftsgarten leistet alles einen Beitrag,
  • Solidarische Landwirtschaft, Einkaufskooperativen und Wochenmärkte nutzen: Sie bieten Unterstützung im nachhaltigen Einkauf,
  • Kaufen was man braucht, und das dann auch verwerten oder teilen, und nicht wegwerfen.

Fazit

Die Landwirtschaft leidet sehr unter dem Klimawandel, verursacht ihn aber auch selbst mit. Lösungsansätze in Produktion und Konsum sind genügend vorhanden. Es braucht mutige Menschen, die voran gehen und ihre Verantwortung wahrnehmen. Allerdings wird innerhalb des momentanen Wirtschaftssystems keine ausreichende Lösung erzielt werden. Wir müssen viel politischen Druck und Engagement auf allen Ebenen aufbauen, um das zu tun, was nötig und möglich ist. Packen wir’s an!


[1] IPCC Sonderbericht über 1,5°C globale Erwärmung (SR1.5), 2019 Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger S. 8
[2] Otto, Friederike, 2029: Wütendes Wetter
[3] ebenda
[4] Zum Beispiel lud die deutsche Agrarministerin Julia Klöckner zur Auftaktveranstaltung der Grünen Woche 2020 die brasilianische Agrarministerin als einzige Politikerin ein, obwohl diese seit Jahren die Umweltzerstörung mit verantwortet. Das BMZ gab im November 2019 große Finanzzusagen an deren Ministerium.