Der Corona-Krisen-Profiteur Amazon

2008 | simone.brunozzihttps://www.flickr.com/photos/simone_brunozzi/, Flickrhttps://flic.kr/p/5435zv | https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/CC BY-SA 2.0

2008 | simone.brunozzi, Flickr | CC BY-SA 2.0

Konjunktur-Einbrüche, Zahlungsschwierigkeiten, Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust, Versorgungsengpässe mit medizinischen Schutzeinrichtungen und ein Wiederhochfahren wirtschaftlicher Aktivitäten sind die gängigsten medialen Beschallungsthemen, die sich entlang der fortwährenden Berichterstattung über Ausbreitung und Bekämpfungsoptionen der Corona-Pandemie erweisen.
Wie eine aufmunternde und fast euphorische Erleichterung soll offenbar die Nachricht darüber empfunden werden, dass es auch klare Gewinner in der Corona-Krise gäbe: Berechnungen des Guardian zufolge erzielt Amazon in der „Corona-Zeit“ 10.000 Dollar Umsatz pro Sekunde. Menschen verbringen durch die Quarantäne gezwungenermaßen viel Zeit zu Hause, und dank der Flexibilität und Vielfältigkeit des Onlinehändlers Amazon sei die Versorgungslücke der Menschen weltweit ganz wesentlich reduziert worden. Im Zuge der grassierenden Corona-Virusinfektion orderten zahlreiche Menschen deutlich mehr Produkte über das Online-Portal als üblich. Amazon, als einer der dominierenden Online-Händler weltweit, kann sich seit der weltweiten Ausbreitung von Covid-19 vor Bestellungen kaum retten, Lieferzeiten verlängerten sich unmittelbar, Lagerräume drohten leer zu werden.

Der aktuelle Aktienwert der Amazon-Aktie beläuft sich mittlerweile auf 2.410 US-Dollar. Innerhalb der vergangenen vier Wochen ist der Kurswert um 27,8% gestiegen. Weltweit hat der Konzern allein in den vergangenen 14 Tagen rund 10 Milliarden Dollar Gewinn erzielt.

Stellenoffensive in Krisenzeiten

Während die Zahl der Bestellungen explodiert, fällt es dem Unternehmen anscheinend schwer, alle Arbeitsschichten rund um die Uhr in seinen Warenlagern zu besetzen. Der weltgrößte Online-Händler Amazon will nach eigenen Angaben der Ausbreitung des Coronavirus mit einer Einstellungsoffensive begegnen. Allein in den USA sollen 100.000 zusätzliche Mitarbeiter helfen, die gestiegene Nachfrage zu bewältigen; weltweit bewegt sich diese Zahl bei 175.000 neuen Beschäftigten. Amazon kündigt außerdem an, die Stundenlöhne für Beschäftigte in den USA, Kanada und Europa erhöhen zu wollen. Dafür plane der Konzern mehr als 350 Millionen Dollar an Mehrausgaben. So sollen die Löhne in den USA um zwei Dollar und in Europa um etwa zwei Euro steigen. In den USA haben die Mitarbeiter derzeit einen Stundenlohn von 15 Dollar. Auf seiner Website gab der Konzern bekannt, dass sich Angestellte aus Hotellerie, Gastronomie und Reisebranche in den USA melden sollen. Sie könnten, bis die Krise vorbei sei, bei Amazon einen vorübergehenden Job bekommen.

So lautet denn die offizielle Anzeige bei Amazon: „Im Zuge der COVID-19-Pandemie helfen Amazon und unser Netzwerk aus Partnern auf der ganzen Welt auf eine Weise, wie es nur sehr wenige können – indem wir Verbrauchern ihre dringend benötigten Artikel direkt vor die Haustür liefern. Da die Nachfrage weiter steigt, arbeiten wir daran, dass wir auch weiterhin die am stärksten betroffenen Kundinnen und Kunden beliefern können und gleichzeitig unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sicher sind.“ Und marktschreierisch eins oben draufgesetzt: „Egal ob du in Vollzeit, Teilzeit, befristet oder saisonal beschäftigt bist, bei uns bekommst du mehr.“ Das Unternehmen stellte die Stellenausschreibungen wie eine Art Hilfsaktion in der Coronavirus-Krise dar. Während die Pandemie anhalte, helfe Amazon mit seinem Partnernetzwerk Gemeinden weltweit durch die Versorgung mit wichtigen Lieferungen.

Noch im Februar schlingerte auch Amazon in eine sich längst abzeichnende Krise. Im vergangenen Monat verlor der Konzern rund 18 Milliarden US-Dollar aufgrund der Corona-Unsicherheit. Seit sich aber quasi die ganze Welt im kollektiven Lockdown befindet, geht es für Bezos und seinen Konzern steil nach oben. Die ohnehin stets steigenden Zahlen erleben seit etwa zwei Wochen einen enormen Zusatz-Boost. Binnen zehn Tagen hat Amazon über 100 Milliarden US-Dollar an Wert zugelegt, Jeff Bezos allein ist um über zehn Milliarden Dollar reicher geworden. Solange die Krise anhält, dürfte sich an der schnellen Entwicklung auch nicht viel ändern, denn Amazon bedient gleich mehrere Grundbedürfnisse in Personalunion als respektvoller Krisen-Gewinnler.

Trotz Covid-19 – „Show must go on“ in den Logistikzentren

Unterdessen läuft das Amazon-Geschäft auf vollen Touren weiter: Für die Kundenkontakt-Aktivitäten sind kurzerhand für viele im Call-Center Beschäftigte HomeOffice-Arbeitsplätze eingerichtet worden, um die Bestellvorgänge und Kundenberatungen aufrechtzuerhalten. Die in den großen Logistikzentren Beschäftigten „picken“ im Schichtbetrieb die bestellten Waren aus den Regalen und überstellen sie denjenigen, die die Paketierung für den Versand bewerkstelligen, auf engstem Raum, Seit an Seit mit den Arbeitskollegen. Amazon beschäftigt in Deutschland in 13 Logistikzentren mehr als 13.000 festangestellte MitarbeiterInnen. Der ohnehin hohe Arbeits- und Zeitdruck in der Auftragsabwicklung hat sich für die dort Beschäftigten in den letzten Wochen enorm erhöht.

Corona-Virus-Infizierte gibt es auch bei Amazon. Aber aufgrund der ansteigenden Nachfrage und der notwendigen Einstellungsoffensive sieht die Firmenleitung keinen Grund, die gebotenen und geforderten Corona-Schutzmaßnahmen wie Mindestabstand am Arbeitsplatz, Desinfektionsmittel, Schutzkleidung, Kantineversorgung mit Schutzeinrichtungen über das notwendige Maß hinaus zu gewährleisten. Atemschutzmasken sind in Ermangelung solcher auch keinerlei Vorschrift.

So soll es, beispielhaft erwähnt, 12 positiv getestete Coronafälle im Amazon-Werk in Winsen in Hamburg geben. In den USA-Werken sollen an 15 Standorten Amazon-Beschäftigte positiv auf das Virus getestet worden sein. Die Dunkelziffer dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach wie auch anderswo deutlich höher ausfallen. Über 300 Krankmeldungen habe es bis letzte Woche Donnerstag allein in Winsen gegeben. Die Stimmung in den Werken sei alles andere als gut. Fast 14 Tage habe man den ersten positiv getesteten Fall im Werk verheimlicht. Angst und Besorgnis begleiteten die Amazon-Beschäftigten durch den Arbeitstag. Andreas Gangl, ein aktiver Gewerkschaftler arbeitet im Lager Bad Hersfeld in der Kundenrücksendung. Er berichtet davon, dass Amazon die Chance nutze, um sich eine noch stärkere Machtposition auf dem Markt zu erarbeiten. Das Lager im hessischen Bad Hersfeld sei keinesfalls systemrelevant, um den Betrieb weiterlaufen zu lassen: „Wir verschicken Schuhe, Klamotten und Alkohol. Alles keine lebensnotwendigen Produkte.“

Die Ausbreitung des Coronavirus und die der Arbeiterunzufriedenheit hängen bei Amazon zusammen: Die „Amazon Workers International“ geben Amazon eine Mitschuld an der Verbreitung des Virus. Der Onlinehändler zahlt seit dem 16. März bis Ende April 2 Euro mehr Stundenlohn für alle ArbeiterInnen im Schichtdienst, nicht aber an jene, die krank zu Hause bleiben. Eine temporäre Erhöhung der Löhne führt nach Einschätzung von gewerkschaftlich organisierten Kollegen dazu, dass sich Beschäftigte krank zur Arbeit schleppen. So bezeichnet Orhan Akman, Verdi-Bundesfachgruppenleiter für Einzel- und Versandhandel die temporäre Amazon-Lohnerhöhung als eine PR-Aktion. Schon seit knapp sieben Jahren fordert Verdi eine Lohnangleichung an die Tariflöhne des Einzelhandels, während Amazon sich auf die Löhne der Logistikbranche beruft.

Die Auseinandersetzung des Onlinehändlers mit sich organisierenden Arbeitern reicht weit vor die Corona-Krise zurück. Ein Streik in seinen Warenhäusern kommt für Amazon jetzt aber zu einem besonders schlechten Zeitpunkt, nachdem der Online-Riese infolge des Kundenansturms wegen Corona ohnehin an seine Grenzen stößt. Amazon ringt darum, aus der Pandemie mit einem besseren Ruf hervorzugehen als zuvor. Ab der kommenden Woche will Amazon an alle Mitarbeiter in europäischen und amerikanischen Warenlagern Masken verteilen und Fieber messen. Bei vielen seiner Angestellten wächst derweil die Angst, sich am Arbeitsplatz anzustecken.

Umdenken bei Amazon?

Das Corona-Krisenmanagement wirkt im Konzern hingegen wie gewohnt: Priorität hat der Profit, Arbeitsschutz steht an zweiter Stelle. Bislang ging es im Kampf der Online-Händler um eines: So viele Besucher wie möglich auf die eigene Shoppingplattform zu ziehen und diese dann dazu anregen, möglichst viele Produkte zu kaufen. Aufgrund des Coronavirus herrscht ein Ausnahmezustand, der seinesgleichen sucht. Das führt zu einem außergewöhnlichen Umdenken bei Amazon: Der Wunsch nach weniger Bestellungen. Wie das Wall Street Journal berichtet, ringt sich der Corona-Nutznießer zu einer ungewöhnlichen Maßnahme durch und lege nun den Rückwärtsgang ein. Aufgrund des enorm gestiegen Bestellvolumens und der überlasteten Lieferketten bestehe nun offenbar der außergewöhnliche Wunsch seitens des Online-Konzerns, weniger Waren abzusetzen. „Normalerweise wollen wir so viel verkaufen, wie wir können, aber unser gesamtes Netzwerk ist im Moment so voll mit Handdes-infektionsmitteln und Toilettenpapier, dass wir nicht in der Lage sind, die anderen Nachfragen zu bedienen“, so ein führender Amazon-Mitarbeiter. Um den Traffic-Anstieg der Amazon-Webseite möglichst einzudämmen, soll sogar das Budget für Google-Werbung nicht vollständig umgesetzt worden sein.

Nach Angaben von Insidern soll jetzt ein intern zusammengestelltes „Speed-Team“ herausfinden, auf welchem Weg und zu welchem Zeitpunkt der US-Konzern wieder zu seinen Auswahl- und Lieferstandards zurückkehren kann. Erste Vermutungen lauteten, es könne sich noch zwei Monate hinziehen, bis an Normalität bei den Amazon-Kapazitäten zu denken sei. Aber vorerst dürfte dem US-Konzern vor allem daran gelegen sein, die Auslastung des Netzwerkes wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Rückkehr in die „Normalität“ in Kürze – Steuerzahlungen Fehlanzeige

Die befürchtete Durststrecke von zwei Monaten bis zur Rückkehr zur „Normalität“, zumindest was die Auswahl- und Lieferabläufe betrifft, sollte Jeff Bezos nicht allzu schwerfallen. Fällt doch kurioserweise in diese Phase des Überdenkens des gigantischen Online-Geschäftes doch die Nachricht, dass Amazon-Boss Jeff Bezos mehr als 1,8 Milliarden US-Dollar durch Aktienverkäufe eingenommen hat und sich als braver Steuerzahler inszenieren konnte. So soll der Konzern in 2017 und 2018, das Jahr mit einem erwirtschafteten Konzern-Gewinn von 11 Mrd. US-Dollar, in den USA keine Einkommensteuer gezahlt haben. Im Jahr 2019 wird der Konzern-Gewinn mit 13 Mrd. US-Dollar angegeben, für die 162 Millionen US-Dollar Steuern zu entrichten sind.

Die Position des Amazon-Konzerns liegt auf der Hand: es habe alles seine Richtigkeit, nachdem der US-Kongress Steuergesetze eingeführt hat, „die die von Amazon praktizierte Art der Arbeitsplatzschaffung, der Kapitalinvestition, der Technikentwicklung und der Mitarbeiterbeteiligung fördern, weil das die entscheidenden Antriebe einer prosperierenden Wirtschaft sind“. Weiter werden die geringen Steuerzahlungen dadurch gerechtfertigt, dass man sich ja an die Gesetze halte und die Steuerabgaben „eine Widerspiegelung unserer fortgesetzten Investitionen, der Gehälter unserer Angestellten und der gegenwärtigen Steuerregeln“ seien.

Auch in Europa einschließlich Deutschland zahlen die Digitalkonzerne so gut wie keine Steuern. Die westliche kapitalistische Wirtschaftsordnung liefert den Nutznießern der Steuerübervorteilung gleich das Instrumentarium mit, sich von ihren Verpflichtungen für das Gemeinwohl zu drücken. Profit geht vor Steuerfairness. Viele multinationale Konzerne weisen ihre Gewinne nicht dort aus, wo die Kunden ihre Dienste nutzen, sondern auf kleinen Inseln, wo die Steuerlast nahe null liegt. Diese Gewinnverlagerungen sind legale Konstrukte. Das macht sie aber nicht minder schädlich, argumentiert selbst das Handelsblatt. „Die Konzerne freuen sich über gut ausgebildete Mitarbeiter, die neue Algorithmen programmieren, oder über gut ausgebaute Straßen, über welche die Waren ausgefahren werden – nur dafür zahlen wollen sie nicht.

Die OECD-Gemeinschaft erörtert mittlerweile die Einführung einer Mindestbesteuerung. Zahlt ein Konzern auf die Gewinne im Ausland nicht ausreichend Steuern, darf der Heimatstaat entsprechende Nachforderungen einziehen. Die Intention, eine doppelte Nichtbesteuerung zu vermeiden, ist ein weiterer Versuch, unversteuerten Milliardengewinne der weltweit agierenden Konzerne nicht mehr hinterherzulaufen, sondern zur Fairness zu bewegen und somit einer bröckelnden Akzeptanz der so freien Marktwirtschaft zu begegnen.