China: Extreme Armut überwunden – Welt: 100 Millionen Arme mehr

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Die frohe Osterbotschaft kam diesmal aus Peking. Die chinesische Regierung veröffentlichte ein Weißbuch unter dem Titel: „Armutsbekämpfung: Chinas Erfahrung und Beitrag“. Darin wird vermeldet, dass China mit Ende 2020 die extreme Armut überwunden hat. Ein Jahrhunderterfolg, die vorfristige Erfüllung eines Millenniumziels der UNO.

Zwei Tage später wartete der IWF in seinem „World Economic Outlook“ mit einer Hiobsbotschaft auf. Im Zuge der Pandemie sei die Zahl der absolut Armen weltweit um 95 Millionen Menschen gestiegen, die Zahl der Hungernden habe ebenfalls krass zugenommen.

Chinas Armutsbekämpfung

Noch in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war China das größte Armenhaus der Welt. Mehr als 700 Millionen der Bevölkerung waren 1978 zu Beginn der Reform- und Öffnungspolitik bettelarm, mussten mit einem pro-Kopf-Einkommen von, umgerechnet, weniger als einem Dollar pro Tag auskommen. Unter diese Grenze fielen damals 75 Prozent der Gesamtbevölkerung von 956 Millionen Menschen. Später wurde die Armutsschwelle auf 1,90 Dollar angehoben, als absolut arm galt, wer weniger zum Leben hatte als die Kaufkraft dieses Betrags. In China zählt nicht nur diese Schwelle: „Wir müssen die Maßnahmen zur Armutsbekämpfung, die die fünf Grundbedürfnisse Nahrung, Kleidung, Schulpflicht, Grundversorgung und Wohnung umfassen, strikt durchsetzen“, sagte der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang.

In 42 Jahren wurden also über 700 Millionen Menschen, was in etwa der Bevölkerung ganz Europas entspricht, aus der Armut befreit. China trug damit gut 70 Prozent zur globalen Armutsreduktion bei. Der Vorsitzende des „Boao Forum für Asia“ (asiatisches Pendant zum World Economic Forum/WEF) und frühere UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon sagte zu dem Bericht mit dem Titel „Asia Poverty Reduction Report 2020“, der dem Boao-Forum im Dezember 2020 vorgelegt wurde: China wird „sich selbst zum ersten Entwicklungsland machen, das die Vorgabe ‚Keine Armut‘ als Ziel für nachhaltige Entwicklung erreicht“. Und: „Eine so bemerkenswerte Leistung ist ein ‚Wunder‘ in der Geschichte der Menschheit – sie bedeutet, dass ein Fünftel der Weltbevölkerung jetzt mit Nahrungsmitteln ist und Zugang zu Grundversorgung haben wird“.

Im Durchschnitt wurden pro Jahr 17 Millionen Menschen aus der Armut herausgeholt. „Zu den wirksamsten Maßnahmen gehören die Schaffung von Beschäftigungsmöglichkeiten für arme Gruppen über mehrere Kanäle und die Förderung des Absatzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse auf der Grundlage der konsumorientierten Armutsbekämpfung“. Teilweise wurden auch Umsiedlungen vorgenommen, insbesondere von Bewohnern aus kargen Bergregionen (insgesamt 9,3 Millionen Menschen). Schwieriger wurde es, die letzten 100 Millionen Menschen aus der Armut zu befreien. 2012 gab es in China noch 99 Millionen Menschen, die von weniger als 1,90 Dollar täglich leben mussten, mehr als die Bevölkerung Deutschlands und der Niederlande zusammengenommen.

Am 3. Dezember 2020 konnte dann Staatspräsident Xi Jinping bekanntgeben, dass alle Bewohner ländlicher Gebiete, die vom Staat nach den geltenden Kriterien als arm eingestuft waren, aus der Armut befreit worden sind. Anfang 2020 waren das noch 5,51 Millionen Chinesen. Hervorzuheben ist, dass das Ziel im Corona-Jahr 2020 erreicht wurde. Präsident Xi Jinping kündigte an, dass nach der Überwindung der extremen Armut eine Kampagne zum Kampf gegen die relative Armut ins Leben gerufen wird. 

China vollbrachte mit der Überwindung der extremen Armut in gut 40 Jahren eine epochale Leistung. Sie ist umso höher einzustufen, als die Bevölkerung in diesem Zeitraum um 444 Millionen Menschen (von 956 Millionen auf 1.400 Millionen) anwuchs, pro Jahr um 10,8 Millionen. Erschwerend kam auch hinzu, dass nach dem Ende der Kulturrevolution (1976) die größte Binnen-Migration und Urbanisierung der Weltgeschichte bewältigt werden musste. Lebten 1978 18% der Bevölkerung = 172 Millionen Chinesen in den Städten, so waren es 2019 schon 60,3% = 844 Millionen. Über 670 Millionen Menschen mussten also in diesem Zeitraum in die Städte integriert werden, jährlich 17 Millionen. Zur Veranschaulichung: Es kamen jährlich etwa elf Städte/Stadterweiterungen von der Größenordnung Münchens hinzu, mit der entsprechenden Zahl an Wohnungen, Straßen/Gehwegen, Kanalisation, Geschäften, Schulen/Kitas, Sport-, Bildungs- und Freizeiteinrichtungen, die zu errichten waren. Und noch schwieriger: Es mussten jährlich ca. 12 Millionen neue städtische Arbeitsplätze geschaffen werden.

Der Erfolg wird auch anschaulich, wenn man die Entwicklung Chinas mit jener von Indien vergleicht, ebenfalls ein Schwellenland mit etwa gleich großer Bevölkerung (1.367 Millionen, China: 1.400 Mio.). 1980 war das indische BIP (nach Kaufkraftparitäten) noch etwas größer als das Chinesische: 277 Mrd. US-Dollar zu 248 Mrd. Dollar (China = 90% von Indien). 40 Jahre später, 2019, erwirtschaftete China ein 94-fach größeres BIP: nach Kaufkraft-Parität 23.393 Milliarden (23,4 Billionen) Dollar; Indien steigerte sein BIP „nur“ um den Faktor 34 und erwirtschaftet jetzt – 2019 – weniger als die Hälfte (40,8%) des chinesischen Sozialprodukts: 9.542 Milliarden (9,5 Billionen) Dollar. Das BIP pro Kopf betrug 2019 in China 16.709 Euro (Platz 80 in der Welt), in Indien 6.977 Dollar (Platz 131). Hierzu ein Vergleich des BIP pro Kopf der USA 65.000 USD und Deutschland 56.000. Die Armutsrate lag 2018 in Indien bei 21,9% – etwa 300 Millionen Menschen waren extrem arm, weitere 16,4% galten als unmittelbar armutsgefährdet (UNDP).

Armut nimmt in den Entwicklungsländern wieder zu

Die Armutsgefährdung hat sich in Indien, wie in den meisten Entwicklungsländern, 2020 im Zuge der Pandemie wieder verschärft. Die Wirtschaft Indiens brach um 8,0% ein, nach den Philippinen mit – 9,5%, die schärfste Wirtschaftsschrumpfung in Asien.

Bereits Ende 2020 wiesen die Vereinten Nationen darauf hin, dass zum ersten Mal seit 1998, dem Jahr der asiatischen Finanzkrise, die extreme Armut in aller Welt wieder zunehme. Die UN schätzten, dass rund um den Globus bis zu 150 Millionen Menschen zusätzlich in die absolute Armut fallen werden.

Als jetzt im April d. J. der IWF seinen „World Economic Outlook“ vorlegte, erklärte die Chefvolkswirtin Gita Gopinath, dass bereits in der Krise und Pandemie im Jahr 2020 95 Millionen Menschen in die Armut abgerutscht sind und 80 Millionen Menschen mehr als zuvor an Hunger leiden und unterernährt sind. Nach dem IWF-Bericht erholt sich die Weltwirtschaft schneller als gedacht: 2021 + 6%, was vor allem durch die Wirtschaftsdynamik Chinas (+ 8,4%) und der Giga-Konjunkturpakete der USA (+ 6,4%) ausgelöst ist. Aber das gelte für die Länder, die umfangreiche Mittel für Konjunkturpakete aufbringen konnten. Insgesamt haben die G20-Staaten 16 Billionen USD für den Kampf gegen die Krise bereitgestellt. Die Entwicklungs- und die meisten Schwellenländer haben diese Mittel nicht. Sie werden in der globalen Wirtschaft von den reicheren Ländern noch mehr abgehängt, aber auch innerhalb der Länder tut sich die soziale Kluft noch weiter auf. Gita Gopinath: „Die Erholung ist zwischen und innerhalb der Länder gefährlich unterschiedlich“. Während die meisten OECD-Länder teilweise bereits Ende 2021, spätestens 2022 das Vorkrisenniveau von Ende 2019 wieder erreichen, – das Nicht-OECD-Mitglied China erreichte dieses bereits im Herbst 2020 – wird es bei vielen ärmeren Ländern bis Ende 2023 dauern, was insgesamt vier verlorene Jahre bedeutet.

Neuen IWF-Daten zufolge müssten die ärmsten Länder in der Welt in den nächsten fünf Jahren rund 200 Milliarden Dollar ausgeben, um mit den Folgen der Pandemie fertig zu werden. Weitere 250 Milliarden Dollar seien nötig, um nicht noch weiter hinter die entwickelten Länder zurückzufallen, sondern wieder zurück auf den Pfad zu kommen, den Rückstand zu verringern. Auch beim Impfen zeigt sich die Spaltung zwischen entwickelten und weniger entwickelten Ländern. Die reichen Industrieländer (OECD), die 16 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren, haben sich laut Währungsfonds mehr als die Hälfte der Impfstoffdosen gesichert. Die armen Länder haben bisher keine nennenswerte Versorgung mit Impfstoffen. Sie können sich weder Konjunkturpakete noch genügend Impfdosen leisten. Allein die Länder Afrikas bräuchten, um ausreichende Impfsicherheit für ihre Bevölkerungen erreichen zu können, 12 Milliarden Dollar: das wären weniger als zwei Prozent des US-Rüstungsetats. So steht zu befürchten, dass die meisten Entwicklungsländer frühestens Ende 2023 mit dem Impfen durch sind und bis dahin extrem unter der Seuche leiden müssen.