Afghanistan – eine desaströse Bilanz

2008 | US Armyhttps://www.flickr.com/photos/soldiersmediacenter/, Flickrhttps://flic.kr/p/4tbYmg | https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/CC BY 2.0

Nach einem zwanzigjährigen Krieg – der die Regierungszeiten von vier US-Präsidenten überdauerte – ziehen die USA und ihre Verbündeten aus Afghanistan ab. Sie hinterlassen ein verwüstetes Land, und eine traumatisierte und verarmte Bevölkerung.

Kosten des Krieges: 2.261.000.000.000, also 2,261 Billionen Dollar.

2008 | US Army, Flickr | CC BY 2.0

Das Auswärtige Amt teilte auf Anfrage der Partei DIE LINKE mit, dass die Kosten des Bundeswehreinsatzes in Afghanistan mehr als zwölf Milliarden EUR betragen. Das costs of war- Projekt schätzt, dass 241.000 Menschen in diesem Krieg getötet wurden. Christian Zaschke schreibt in der SZ vom 1o./11.7. 2021:

…wenn man jetzt zurückblickt, steht als Bilanz da, dass der Einsatz auf der ganzen Linie gescheitert ist…

Den vielzitierten Satz vom damaligen Kriegsminister Peter Struck, Deutschland werde am Hindukusch verteidigt, nannte Heribert Prantl, damaliger Innenpolitikchef der SZ, als einen der törichtesten Sätze der Nachkriegsgeschichte. Dieser Satz war nicht nur töricht, sondern für 59 Soldaten der Bundeswehr auch tödlich.

In Berlin ist man offensichtlich weder willens noch fähig, Lehren aus dem desaströsen Einsatz am Hindukusch zu ziehen. Diese Lehren müssten vor allem in die Erkenntnis münden, dass das deutsche Militär im Ausland nichts zu suchen hat und sei es noch so oft mit „Verantwortung“ verbrämt. Heute wird Deutschland offenbar in der Wüste von Mali oder im südchinesischen Meer „verteidigt“, mit den gleichen Fehlschlägen und mit der Gefahr für Leib und Leben der Soldaten. Den US-geführten Interventionstruppen ging es in Afghanistan nie darum, Menschenrechte oder Demokratie in Afghanistan zu verteidigen oder für Frauenrechte einzutreten (da hätten die USA bei ihrem Verbündeten Saudi Arabien genug zu tun). Den USA ging es dort stets um eine geostrategische Vorherrschaft auf dem „eurasischen Schachbrett“ (Zbigniew Brzeziński).

Was hat die USA und NATO bewogen, aus Afghanistan abzuziehen?

Statt Unsummen von Dollars, Kriegsmaterial und Menschleben in einem nicht gewinnbaren Krieg zu vernichten, ist der Truppenabzug Teil einer strategischen Umorientierung der USA und ihrer Verbündeten, da sich die außenpolitischen und militärischen Prämissen der USA geändert haben. Neben der militärischen Einkreisung Russlands und eines angestrebten Regimechange im Iran, geht es den USA verstärkt um den maritimen Truppenaufmarsch gegen den strategischen Gegner China. China ist verwundbar. China ist der weltgrößte Nettoimporteur von fossilen Energieträgern.

Marc Botenga, Doktor der politischen Wissenschaften und Koordinator der Mediziner für die dritte Welt schreibt in Marx.Bl.1/15):

„…China fühlt sich verwundbar. Es importiert 40% seines Erdgases, ist einer der weltgrößten Erdölimporteure und ein Gutteil dieser Importe passiert Meerengen, die theoretisch durch andere Mächte blockiert werden können. Etwa 80% seiner Ölimporte müssen durch die Meeresstraße von Malakka. …In diesem Rahmen rücken Gebietskonflikte Chinas bezüglich bestimmter Inseln mit Japan, den Philippinen, Vietnam und anderen Ländern in den Fokus“.

Werner Rügemer schreibt in „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts, S. 289:

„Die USA kreisen China militärisch ein, rüsten andere Staaten auf und richten dort Militärstützpunkte ein. Unmittelbar an der Westgrenze Chinas sind inzwischen in Turkmenistan, Tadschikistan, Afghanistan und Pakistan US-Militärs stationiert. Südlich von China liegen US-Stützpunkte in Thailand, Singapur und Diego Garcia. An der Ostgrenze wurden Stützpunkte in Japan erweitert, auf den Midway-, Wake- und Marschallinseln, auf Guam, Hawaii und Samoa. An der Nordspitze Australiens haben die USA einen zweiten Flottenstützpunkt ausgebaut.
In Südkorea wurde eine zusätzliche atomwaffenfähige Raketenbasis installiert.. 60% der strategischen US-Streitkräfte wurden in den Pazifikraum verlagert“

Die FAZ (19.11.18) resümiert: „Washington schließt damit in seinem Vorhof die Kette der Stützpunkte im Westen von Japan über Guam bis nach Hawaii“. Dazu kommt eine verstärkte Präsenz der US-Pazifik-Flotte mit 200 Kriegsschiffen, darunter mehrere Flugzeugträger-Verbände; In Japan und Südkorea haben die USA zudem gegen China gerichtete Raketenabwehr-systeme (Anti-Raketen-Raketen) installiert, die auch zum Boden-Boden-Mittelstrecken-Raketen-System umgerüstet werden können. Dazu kommen Raketensysteme auf den US-Flugzeugträgern und U-Booten.
Die FAZ bejubelt diesen Schwenk der USA zu verstärktem Engagement in Asien und die Militarisierung der Region: „Für Asien und im Übrigen auch für die westliche Rüstungsindustrie (!) ist die schon von Präsident Obama angekündigte, aber nie vollzogene Rückkehr Amerikas nach Asien eine gute Nachricht“ (FAZ, 19.11.18). Matin Baraki schreibt in der UZ vom 9.7.21: „Die Kräfte in und um Afghanistan werden deshalb abgezogen, um im Pazifik ein Bollwerk gegen die VR China zu errichten.“

Wie weiter?

  1. Über die inneren Verhältnisse Afghanistans hat die Bevölkerung Afghanistans zu entscheiden- ohne Einmischung und ohne militärische Intervention von außen.
  2. Der Abzug ausländischer Truppen aus Afghanistan ist ein militärisches Fiasko der USA und der NATO. Den Preis dafür haben die Menschen in Afghanistan bezahlt, und nicht zuletzt die über 2000 Toten US-Soldaten, denen dieser Aggressionsakt das Leben gekostet hat.
  3. Dieses Kriegsverbrechen der USA und der NATO wird den Hass der betroffenen Menschen auf „den Westen“ verstärken.

Denn Terror ist aus der Rippe einer Welt gemacht, die vom Imperialismus verwüstet wurde, sagt Arundhati Roy, (Schriftstellerin, Drehbuchautorin, politische Aktivistin und Globalisierungskritikerin).