Die Lohn-Preis-Spirale – längst widerlegt und noch immer aktuell

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Die Inflation zieht weltweit an. Die Geldmenge schwillt, die Güterpreise steigen. Warum? Unverzichtbarer Teil der herrschenden Ökonomik ist die Lohn-Preis-Spirale. Sie stellt in verschiedenen Variationen den Kern der bürgerlichen Inflationserklärung dar. Und sie wird manchmal selbst von links-affinen Ökonomen geteilt. Solange „keine übermäßige Lohnentwicklung in Sicht“ ist, herrsche „keine Inflation im eigentlichen Sinne“, erst wenn „die Löhne stärker steigen als das mit dem Inflationsziel der EZB vereinbar ist, käme es zu einer Ver-festigung der hohen Inflation“. Daher sei es wichtig, „eine Preis-Lohn-Spirale zu verhindern.“ Löhne und Preise drückten sich quasi naturgesetzlich gegenseitig nach oben. Höhere Löhne führten zu steigenden Preisen: sie verteuerten die Produktion, erhöhten aber auch die Einkommen, die es den Arbeitern ermöglichten, die teureren Waren zu bezahlen. Steigende Preise zwingen die Gewerkschaften, höhere Löhne zu fordern, um das reale Einkommen zu sichern.

Die hohe Inflation in Deutschland hat im 1. Quartal 2022 zu einem Reallohnrückgang geführt: Zwar waren die Nominallöhne im 1. Quartal 2022 nach ersten und vorläufigen Ergebnissen der neuen Verdiensterhebung um 4,0 % höher als im Vorjahresquartal. Aber die Verbraucherpreise stiegen im selben Zeit-raum um 5,8 %, seither noch stärker. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, ergibt dies einen realen (preisbereinigten) Verdienstrückgang von 1,8 %. Mit mehr Lohn in der Tasche können sich die Leute weniger kaufen. Folgerichtig fordern die Gewerkschaften in der aktuellen Tarifrunde deutliche Lohnerhöhungen – bis zu 8 Prozent. Wird dadurch die Inflation verfestigt?

Oberflächlich gesehen scheint einiges für die Existenz einer Lohn-Preis-Spirale zu sprechen. Unternehmer führen steigende Preise auf gestiegene Lohnkosten zurück und Arbeiter und Angestellte und ihre Gewerkschaften begründen in den aktuellen Auseinandersetzungen und mit Blick auf die anstehenden Tarifrunden im Herbst ihre Forderungen nach höheren Löhnen mit dem gestiegenen Preisniveau. Aus Sicht der herrschenden Wirtschaftslehre ist der Kampf um die Aufteilung des Volkseinkommens verbunden mit gegenseitigen Schuldzuweisungen: Für die Unternehmer sind die Lohnforderungen der Gewerkschaften, für die Lohnempfänger die Preissteigerungen der Unternehmen jeweils das auslösende Moment. Langfristig gehe der Kampf aus wie das Hornberger Schießen: Vorübergehende Lohnvorteile würden durch höhere Preise und vorauseilende Preise durch nachträgliche Lohnkorrekturen wettgemacht. Die Lohn-Preis-Spirale erweist sich als eine These, mit der der Status quo der Einkommensverteilung scheinbar erklärt und in den Stand eines naturgesetzlichen Dogmas gehoben wird. Was ist dran an der Argumentation, die vielen einleuchtet?

Eine willkürliche Formel

Die Standardformel der herrschenden Lehre besagt, dass die Preissteigerungsrate gleich der Differenz aus Lohnsteigerung und Produktivitätszuwachs sei: Inflationsrate = Lohnsteigerungsrate minus Produktivitätszuwachsrate[1] „Wenn also beispielsweise die Löhne um 5 % steigen und der Produktivitätsanstieg 2 % beträgt, erhöhen die Unternehmer ihre Preise um 3 %.“[2] Weshalb sollten die Unternehmer sich an die Lehrbuchweisheit halten? Aber auch mit der formalen Logik hapert es. Ist der Produktivitätsanstieg gleich Null, würden die Preise prozentual so stark steigen wie die Löhne. Eine einfache Überlegung zeigt, wie willkürlich dies wäre: Der Preis einer Ware sei 100 und der Anteil der Lohnkosten am Preis betrage 18 Prozent. Weshalb die Preise um 10 € (= 10 Prozent) steigen müssten, wenn die Löhne um 1,8 € (=10 Prozent) steigen, bleibt ein Geheimnis der Ökonomieprofessoren. Eine zehnprozentige Lohnerhöhung bei einem Automobilteilehersteller würde bei einem Anteil der Lohnkosten von 18 Prozent zu einer Preiserhöhung von 1,8 Prozent führen, wenn die Lohnerhöhung weitergegeben wird. Daran wird deutlich, wie absurd es ist, den Gewerkschaften die Verantwortung für steigende Preise anzulasten. Die Preiserhöhung könnte daraus resultieren, dass andere Kosten, z. B. für Material und Energie, gestiegen sind oder dass zu hohe Abschreibungen verrechnet werden. Unternehmer recht-fertigen die Erhöhung der Preise damit, dass die Kosten gestiegen wären. Wer die Praxis der Kostenkalkulation in den Betrieben kennt, weiß, dass es sich oft umgekehrt verhält. Die Materialkosten werden nicht kalkuliert zu den gezahlten Einkaufspreisen. Sie werden festgesetzt auf der Basis der Preise, die man erwartet. Und die sind üblicherweise höher als die gezahlten. Die Preise steigen also nicht, weil die Kosten gestiegen sind, sondern die Kosten steigen, weil man er-wartet, dass die Preise steigen werden. Der vermutete künftige Preiszuwachs wird den aktuellen Kosten zugeschlagen. Die verrechneten Kosten sind höher als die tatsächlich angefallenen. Hinter der pessimistischen Erwartung steckt sicher die Erfahrung inflationärer Entwicklungen, vor allem der Wille, den Profit zu sichern und zu erhöhen. Das ist der entscheidende, der tiefere Grund: Preis-steigerungen begleiten das Streben nach höchstem Profit. Wenn bei gegebenen Preisen, sonstigen Kosten und gegebener Produktivität die Lohnkosten steigen, gehen die Profite im Ausmaß der Lohnsteigerung zwingend zurück. Unternehmer wollen dies verhindern. Deshalb setzen sie den Preis hoch. Was als lohnbedingte Preissteigerung hingestellt wird, ist der Versuch, eine Korrektur der Verteilung der Einkommen zugunsten der Lohnempfänger zu verhindern. „Eine allgemeine Steigerung der Löhne (kann) niemals eine mehr oder minder allgemeine Verteuerung der Waren herbeiführen … eine allgemeine Steigerung der Löhne (würde) ein allgemeines Sinken der Profite bewirken und der Marktpreis der Waren keine Veränderung erleiden“[3]. Die Korrektur wäre möglich, wenn man sie nur wollte. Der Profit wird aus der Lohn-Preis-Argumentation herausgehalten, weil es um ihn geht. Er gilt als heilig, unantastbar.

Zu beachten ist der Zeitaspekt. Preise steigen während des gesamten Jahres. Der Zuwachs der Löhne muss zwischen den Tarifparteien erst ausgehandelt werden. Das geschieht maximal einmal im Jahr. Mit ihm wollen die Gewerkschaften die Teilhabe am Produktivitätszuwachs sichern und den durch Preissteigerungen eingetretenen Reallohnverlust ausgleichen. Der manchmal verwendete Begriff „Preis-Lohn-Spirale“ trägt dem realen Ablauf zwar besser Rechnung, weil er die Ursache für Lohnerhöhungen in vorher erfolgten Preissteigerungen sieht. Aber der Begriff „Spirale“ ist falsch, weil er eine wechselseitige positive Einflussnahme zwischen Löhnen und Preisen suggeriert.

Das Dogma, dass die Warenpreise bestimmt würden durch die Arbeitslöhne, ist unhaltbar: Die Preise folgen nicht primär den Löhnen. Profitstreben, Markt-macht und die Abschöpfung von Liquiditätspotenzialen, erwartete Kosten- und Preiserhöhungen bei Vorprodukten, sind wichtigere Einflussfaktoren. Die Löh-ne sind nur ein Teil der Kosten und des Preises. Sie können wie jede andere Kostenart auch stärker steigen als der Preis, ohne dass sich dies negativ auf den Gewinn auswirkt. Von einer Lohn-Preis-Spirale kann keine Rede sein. „Tat-sächlich betrachten die Unternehmer zumeist eine Lohnerhöhung als willkommene Gelegenheit, nun durch unverhältnismäßige Erhöhung der Preise den Gewinn zu steigern.“[4]

Werttheoretische Kritik

Marx argumentiert gegen die Lohn-Preis-Spirale auf werttheoretischer Basis. Die Wertgröße einer jeden Ware besteht aus zwei Teilen. Erstens aus dem alten Wert, der in früheren Produktionsstufen erzeugt, in den Produktionsmitteln vergegenständlicht und auf die Ware übertragen wurde, zweitens aus dem durch „lebendige“ Arbeit geschöpften neuen Wert. Der „alte“ Wert stellt das konstante Kapital (c) dar. Er ist bestimmt durch den Wert der Maschinen, Gebäude, des Materials usw. und ändert sich während der Produktion nicht. Er erscheint im neuen Produkt in Form von Abschreibungen, Material- und Energiekosten. Der neue Wert entspricht dem Umfang der lebendigen Arbeit. Ein Teil von ihm fließt in Form des Lohnes an die Arbeiter. Es ist das variable Kapital (v), weil aus diesem Teil des Kapitals der Mehrwert hervorgeht. Die Arbeiter produzieren Wert über den Wert der Ware Arbeitskraft hinaus. Der Lohn ist der bezahlte Teil der lebendigen Arbeit. Der unbezahlte Teil ist der Mehrwert m, der vom Kapitalisten als Profit angeeignet wird. v+m ist der Neuwert, c ist der alte Wert. Er wird durch die konkrete, „lebendige“ Arbeit auf das neue Produkt übertragen. Der Wert einer Ware – der Produkten-wert – ist daher c + v + m. Die Mehrwertrate m‘ ist das Verhältnis des Mehrwertes m zum variablen Kapital v. Als Formel ausgedrückt: m‘ = m/v . 100%.

Das Verhältnis kann man auch in Zeitgrößen ausdrücken. Der Arbeitstag setzt sich aus Mehrarbeitszeit und notwendiger Arbeitszeit zusammen. Der Mehrwert wird in der Mehrarbeitszeit geschaffen. In der notwendigen Arbeitszeit schafft der Arbeiter ein Äquivalent des Wertes seiner Arbeitskraft. Die Steigerung der Produktivität ist Mittel zur Produktion von Mehrwert; sie ist notwendiger Ausdruck des kapitalistischen Systems, ihr immanenter Trieb und beständige Tendenz[5]. Die Mehrwertrate steigt, wenn der Wert der Arbeitskraft und damit die notwendige Arbeitszeit als Teil der Gesamtarbeitszeit sinken. Daraus wird gefolgert, dass der Wert der Arbeitskraft nicht steigen dürfe, weil dies bedeutete, dass die Mehrwert-rate sinke. Dies rüttele an den Grundfesten der kapitalistischen Produktion; die Quelle des Profits versiege. Gegen den Anstieg des Wertes der Arbeitskraft spreche auch die durch den Produktivitätsanstieg bewirkte generelle Wertsenkung der Waren. Auf das eine könne der Kapitalismus nicht verzichten, das andere sei unvermeidlich. Der Wert der Ware Arbeitskraft müsste sich verringern, um den Mehrwert zu steigern und die Akkumulation – die Verwandlung von Profiten in Kapital – zu ermöglichen. Doch ein steigender Wert der Ware Arbeitskraft führt nicht zwangsläufig dazu, dass die Mehrwertrate sinkt. Zu beachten ist, dass die Bestimmung der Mehrwertrate die Reduktion komplizierter auf einfache Arbeit und die Ermittlung des Verhältnisses von höherem Wert der qualifizierten Arbeitskraft zu ihrer höheren wertschöpfenden Potenz voraussetzt. Komplizierte „Arbeit gilt nur als potenzierte oder vielmehr multiplizierte einfache Arbeit, so dass ein kleineres Quantum komplizierter Arbeit gleich einem größeren Quantum einfacher Arbeit.“[6] Wachsender Mehrwert und steigende Mehrwertrate sind bei tendenziell steigendem Wert der Arbeitskraft möglich: durch die Ausbeutung qualifizierterer, komplizierter Arbeit, die einen höheren Wertzuwachs bringt als sie selbst verkörpert, oder durch die Erhöhung der Intensität der Arbeit, der Verdichtung der Arbeit je Zeiteinheit. Ein Arbeiter, der acht Stunden komplizierte und intensivere Arbeit leistet, schöpft dann etwa so viel Wert, wie einer, der elf oder zwölf Stunden einfache Arbeit verrichtet. Eine Werterhöhung der Arbeitskraft steht weder mit dem Ziel der Mehrwerterhöhung noch mit dem Produktivitätsfort-schritt im Widerspruch. Wenn auch nicht bewiesen ist, dass der Wert der Arbeits-kraft steigt, so wäre der Anstieg vereinbar mit einer Erhöhung der Mehrwertrate und einer Wertsenkung pro Produkt. Nur wenn der Wert der Arbeitskraft, das Wertprodukt (Neuwert) und der Produktenwert zugleich steigen, wäre auch ein gleichzeitiges Steigen der Löhne und Preise werttheoretisch begründet. Eine Lohn-Preis-Spirale existierte aber selbst dann nicht. Denn die Preise stiegen nicht deshalb, weil es der Wert der Arbeits-kraft und damit die Löhne tun, sondern weil die Produkte einen höheren Wert verkörpern. Steigt dagegen bei gegebenem Produktenwert der Wert der Ware Arbeitskraft und der Lohn, gibt es keinen Grund, die Preise zu erhöhen. Da sich jetzt die notwendige Arbeitszeit am gegebenen Arbeitstag erhöht, sinkt die Mehrarbeitszeit und mit ihr der Mehrwert. Die Kapitalisten widersetzen sich der Schmälerung des Profits, indem sie die Preise hochsetzen, theoretisch gestützt durch die Mär von „der Lohn-Preis-Spirale“. Es ist also nicht der Lohn, der zu einem An-stieg der Preise führt, sondern das Streben der Kapitalisten, die Profite zu mehren und ihren Rückgang zu verhindern. Der Zusammenhang zwischen dem Wert der Ware Arbeitskraft, dem Mehrwert und dem Warenwert enthält den Schlüssel für das Verständnis der Beziehungen zwischen Löhnen und Preisen, die in Form der Lohn-Preis-Spirale oberflächlich und falsch dargestellt werden.

Fazit

Die These ist falsch, dass Lohnsteigerungen einen Anstieg der Preise nach sich ziehen müssten. In einer produktivitätsbedingt wachsenden Wirtschaft sind zum Teil starke, scheinbar gegen das Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) verstoßende Lohnsteigerungen vereinbar mit konstanten oder steigenden Gewinnen und stabilen Verteilungen zwischen Löhnen und Gewinnen, mit Bedingungen also, deren Verletzung ungenannt und verborgen der gängigen Lohn-Preis-Argumentation zugrunde liegt, der Behauptung, steigende Löhne seien die Ursache der Inflation.

Bemerkenswert ist, dass die Behauptung einer Lohn-Preis-Spirale so alt wie der Kapitalismus ist und selbst in der Arbeiterbewegung verbreitet war. Der französische Sozialist Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und Ferdinand Lassalle (1825-1864), Wortführer der frühen deutschen Arbeiterbewegung, vertraten die Auffassung, dass eine Erhöhung des Arbeitslohnes nichts nütze. „Jedes Steigen der Löhne kann keine andere Wirkung haben als ein Steigen der Preise des Getreides, des Weines etc.: die Wirkung einer Teuerung. Denn was ist der Lohn? Er ist der Kostenpreis des Getreides etc.; er ist der volle Preis jeder Sache … Es ist unmöglich, erkläre ich, dass Arbeitseinstellungen, die Lohnerhöhungen zur Folge haben, nicht auf eine allgemeine Preissteigerung hinauslaufen: Das ist ebenso sicher, wie dass zweimal zwei vier ist.“ Marx, der diese Worte Proudhons zitiert, fügt hinzu: „Wir bestreiten alle diese Behauptungen, ausgenommen die, dass zwei mal zwei vier ist.“[7]

Daran zu erinnern ist angesichts aktueller Inflation sowie der falschen und noch immer verbreiteten These geboten.


[1] Paul A. Samuelson, William D. Nordhaus, Volkswirtschaftslehre. Grundlagen der Makro- und Mikroökonomie, Band 1, 8. Deutsche Aufl., Köln 1987, S. 392 f.
[2] Peter Bofinger, Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in die Wissenschaft von Märkten, 2. aktualisierte Auflage, München 2007, S. 470. Zur ausführlichen, formallogischen Widerlegung der Standardauffassung siehe Klaus Müller, Die Ermittlung verteilungsneutraler Lohnsteigerungen, in: wisu, das wirtschaftsstudium, Heft 4/2013, S. 561-569.
[3] Karl Marx, Das Elend der Philosophie, in: Marx-Engels-Werke (MEW), Band 4, Berlin 1983, S. 175.
[4] Werner Hofmann, Einkommenstheorie. Vom Merkantilismus bis zur Gegenwart, Sozialökonomische Studientexte, Bd. 2, 2. Aufl., Berlin 1971, S. 259 f
[5] Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, in. Marx-Engels-Werke, Bd. 23, Berlin 1972, S. 338, 391.
[6] Ebd., S. 59.
[7] Karl Marx, Das Elend der Philosophie, a.a.O., S. 175.