Was Marx am Fall Louis Bonaparte verstand – und warum der Trumpismus mehr ist als nur ein schlechter Stil

Es gibt historische Momente, in denen die Demokratie nicht mit einem Putsch endet, sondern mit einer Geste, einem Tonfall, einer neuen Verachtung für Bewährtes.  Plötzlich gelten Parlamente als lästig, Gerichte als Anmaßung, Verfahren als Zumutung. Dann tritt einer auf, der verspricht, das alles abzukürzen: kein Streit mehr, keine Umwege, keine Widersprüche – nur noch Volk, Wille, Führung. Marx hat diese Szene im 19. Jahrhundert am Fall des Louis Bonaparte seziert. Gerade deshalb liest sie sich heute nicht wie ein fernes Kapitel, sondern wie die beklemmend moderne Skizze einer politischen Versuchung, die wiederkehrt.

Als Karl Marx 1852 den „Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte“ schrieb, wollte er nicht einfach den Weg eines gewählten Präsidenten zum Kaiser beschreiben. Er wollte die moderne Form des autoritären Umschlags fassen: den Moment, in dem ein Mann durch die Republik aufsteigt, sich auf Wahlen, Volk und Ordnung beruft und dann Schritt für Schritt jene Institutionen entwertet, die ihn überhaupt erst getragen haben.

Das ist der entscheidende Punkt. Nicht die offene Abschaffung der Demokratie ist die erste Bewegung, sondern ihre theatralische Aneignung. Louis Bonaparte war bei Marx keine historische Laune, sondern das Symptom einer blockierten Gesellschaft: Klassen und Fraktionen neutralisieren einander, das Parlament redet und zerfällt, die herrschenden Kräfte sind zu zerstritten, um zu regieren. In dieser Lage wächst die Sehnsucht nach der Exekutive als Schwert und Schiedsrichter. Marx fasste die politische Richtung dieser Verschiebung in einen knappen Satz: „Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur Legislativen drückt die Heteronomie (Fremdbestimmung) der Nation im Gegensatz zu ihrer Autonomie aus.“

Wer das heute liest, hört ein Echo aus den USA. Nicht weil Trump einfach Napoleon III. wäre. Solche Analogien sind zu grob. Aber die strukturelle Verwandtschaft ist unübersehbar: Wieder erscheint ein Führer, der das „wahre Volk“ unmittelbar verkörpern will. Wieder gelten Gerichte, Parlamente und Verfahren bloß als störende Kulisse, wieder wird demokratischer Streit zur Sabotage erklärt.

Gerade hier wird Marx produktiv. Er lehrt, den autoritären Zug nicht zuerst psychologisch zu lesen, sondern politisch. Das Problem ist nicht der Charakter des Führers. Das Problem ist eine Gesellschaft, deren Widersprüche so tief geworden sind, dass sie in der Exekutive die Abkürzung sucht. Nicht Stärke der Demokratie erzeugt den Bonapartismus, sondern ihre Erschöpfung.

Trump liefert dafür reichlich Material. Seine Regierung versucht seit Beginn der zweiten Amtsphase systematisch, richterliche Kontrolle als illegitimen Eingriff in die Macht des Präsidenten umzudeuten. Dahinter steht eine politische Logik: Gewaltenteilung erscheint nicht mehr als Bedingung republikanischer Freiheit, sondern als feindliche Verzögerungsmaschine. Gerichte sollen weichen, Parlamente abnicken, Opposition verstummen.

Was sich hier ankündigt, ist keine klassische Diktatur. Es ist etwas Moderneres: die plebiszitäre Exekutive, die sich dauernd auf das Volk beruft, um die Institutionen des Volkes zu entwerten. Eben deshalb ist der Begriff Bonapartismus wieder nützlich. Er bezeichnet keine bloße Autokratie, sondern ein Herrschaftsverhältnis mit demokratischer Maske. Der Führer gibt sich als Rebell gegen das Establishment und wird gerade so zum Werkzeug jener Kräfte, die Stabilität ohne Demokratie wollen.

Der Clou bei Marx ist noch härter: Bonapartismus ist auch ein Problem der gesellschaftlichen Repräsentation. Wo die gesellschaftliche Mehrheit politisch zersplittert, kulturell gegeneinander aufgebracht und organisatorisch entwaffnet ist, kann der Führer sich als scheinbar unmittelbare Stimme des Gemeinwesens aufspielen. Marx formulierte das über die zerstrittenen französischen Parzellenbauern in dem berühmten Satz: „Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden.“ Der Satz ist historisch präzise und reicht doch über seinen Gegenstand hinaus. Er beschreibt das politische Vakuum, in dem Repräsentation zur Anmaßung eines einzelnen wird. Das Plebiszit ersetzt dann die Politik. Die Akklamation ersetzt die Debatte.

Darin liegt auch ein Hinweis für die Linke. Gegen den neuen Bonapartismus genügt es nicht, seine Vulgarität zu verspotten. Man muss die gesellschaftliche Leerstelle schließen, aus der er seine Wucht bezieht: Abstiegsangst, Entwertungserfahrung, politische Ohnmacht und die Verwandlung sozialer Konflikte in Kulturkrieg.

Trump ist nicht Napoleon III. Aber Marx liefert ein Analyseinstrument, das wieder scharf geworden ist. Er zeigt, wie ein gewählter Präsident demokratische Legitimation gegen die demokratischen Formen selbst wenden kann. Nicht indem er sofort die Wahlen abschafft, sondern indem er das Misstrauen gegen sie zur Regierungsphilosophie erhebt.

Der Bonapartismus des 21. Jahrhunderts trägt keinen Hermelin. Er kommt im Maßanzug, vor laufenden Kameras, auf Plattformen, mit Dauerappellen an das „wahre Volk“. Er putscht nicht notwendig gegen die Demokratie. Er spricht in ihrem Namen – so lange, bis von ihr nur noch die Akklamation übrig bleibt.

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Literatur

Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Kap. VII. in: Marx/Engels, Werke

Reuters (7. März 2026): How Donald Trump is pushing the Supreme Court to weaken federal judges – zur Strategie der Trump-Regierung, richterliche Kontrolle zugunsten exekutiver Macht zurückzudrängen.

The Guardian (24. März 2026): US democracy has settled into diminished state, experts find – Bericht über die Bright-Line-Watch-Befunde zum Zustand der US-Demokratie. 

Brennan Center for Justice: Fighting Abuse of Executive Power – Übersicht zu Konfliktfeldern und juristischen Auseinandersetzungen um exekutive Machtüberschreitung.