report 109

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Krise des Globalen Kapitalismus – und jetzt wohin?
erscheint: 05. Juli 2017
Umfang 76 Seiten
Kategorie:

Beschreibung

Vor gut zwei Jahren haben wir unseren Report Nr. 100/101 veröffentlicht: „Umbruch im globalen Kapitalismus. Abstieg der G7-Metroplen – Aufstieg der Schwellenländer.“ Dort haben wir entwickelt, dass die Schwellenländer des Südens zu einer dominierenden wirtschaftlichen Größe werden, und dass diese Verlagerung in der globalen Machtstruktur die Chance bietet für eine alternative Weltordnung, ein multilaterales Gefüge ohne die Dominanz des Westens. Der Westen, sagten wir, will diese Machtverlagerung mit allen Mitteln verhindern. Die USA und die EU mit ihrer Vormacht Deutschland würden ein Konzept des „kooperativen Imperialismus“ entwerfen und mit dem Aufbau und der Anwendung militärischer Gewalt drohen. Die Gefahr eines großen Konflikts, der Westen gegen China und Russland, werde größer.

Dieser Report führt die Diskussion fort und erweitert sie. Die Gefahr eines Kriegs, auch eines großen Kriegs, hat noch zugenommen. Die Globalisierung hat an einen Punkt der scharfen Zuspitzung der Konkurrenz auch unter den Hauptfraktionen des Weltkapitals geführt. Die Momente des Konflikts überwiegen die der Kooperation. Das gilt auch für das Verhältnis in der „transatlantischen Gemeinschaft“ von USA und EU. Mit dem Trumpschen „America first“ ist kein Rückzug auf das eigene Land verbunden, es ist vielmehr die Fanfare: Amerika gibt in der Weltpolitik den Ton an. Die EU hält dagegen mit einer „globalen Behauptung“, mit dem Anspruch, wirtschaftlich, kulturell und militärisch ein bestimmender „Global Player“ zu sein. Der „kooperative Imperialismus“ ist offenbar an einem Scheidepunkt angekommen. Es wird die Frage sein, ob der ethnonationalistische Protektionismus eines Trump und seiner Nachfolger anderswo zu vermählen sein wird mit den Zielen und Notwendigkeiten des globalen Kapitals (ob privat- oder staatskapitalistisch), das nach wie vor und mehr denn je die Struktur der neoliberalen Weltwirtschaft prägt.

Leo Mayer nimmt sich die Frage vor, ob die Stagnation von Handel und Auslandsinvestitionen ein Indiz für einen Stopp für die Globalisierung ist. Er stellt fest, dass sich die Multinationalen Enterprises (MNE) mehr konzentrieren auf die Entwicklung lokaler Produktion, diese aber strukturieren um Unternehmensgruppen, die zwar zum Teil formal eigenständige Eigentümerstrukturen aufweisen, aber unter dem Kommando der Multis. Der Protektionismus könne sich nicht durchsetzen, da die gesamte Globale Wertschöpfungskette immer mehr intermediäre Güter aus anderen Ländern beziehe, Importbeschränkungen also auf Kosten der Exporte gingen und die Kosten der Belastungen für die Binnenwirtschaft erhöhten. Für alle Glieder dieser Ketten, die den Großteil des Welthandels bestimmen, besteht mithin ein gemeinsames Interesse an niedrigen Einfuhrzöllen und geringeren Handelshürden.

Franz Garnreiter untersucht als Folgen der Globalisierung Überinvestitionen und die Intensivierung der Konkurrenz unter den Teilnehmern am globalen Markt. Der Außenhandel sei heute ein Verfahren, den weniger starken Industrien zu schaden, den Stärkeren zu nützen. Die Industrialisierung als Mechanismus zu nehmen, um den aus Agrargesellschaften Kommenden einfache Arbeit zu geben, funktioniere heute nicht mehr. Eine „nachholende Entwicklung“ könne heute innerhalb des Systems des globalen Kapitalismus nicht mehr stattfinden.

Charles Pauli bestreitet, dass die USA in einem Prozess der „Deindustrialisierung“ stecken. Als die beiden Hauptprobleme der US-Wirtschaft benennt er erstens das Armutsproblem – das Auseinanderklaffen von Löhnen und Produktivität führt zu einer permanenten Nachfragelücke. Zweitens führt der zu hohe Dollar-Kurs zu ständigen Leistungsbilanzdefiziten und zu einem Bremsen der US-Industrie. Die Trumpschen Maßnahmen des Protektionismus würden diese beiden Hauptprobleme noch verschärfen.

Europa sieht Pauli in einer Zerreißprobe. Die Gesetzmäßigkeiten eines deregulierten gemeinsamen Marktes und einer Währungsunion würden es weiter auseinandertreiben. Er plädiert für massive wirtschaftspolitische Eingriffe. In einem Szenario der verschiedenen Perspektiven für EU und EWU werden die Alternativen verglichen.

„China im globalen Kapitalismus“ ist Fred Schmids Thema. Er untersucht die derzeit laufende Umsteuerung von einem export- und investitionsgetriebenen zu einem binnenmarktgetriebenen Wachstumsmodell. Bis 2025 soll China zur High-Tech-Macht werden, bis 2049 zur führenden Industrie-Supermacht. Für die kommende Phase sieht Schmid eine „chinazentrische Globalisierung“ voraus.

Stephan Lessenich entwirft sein Konzept der Externalisierung: dass die Produktions- und Lebensweise des Nordens auf Kosten und zu Lasten großer Mehrheiten der armen Gesellschaften des Südens geht. Er weist die Theorien der Konvergenz zwischen Norden und Süden zurück und vertritt die These, dass die globale Ungleichheit alle nationalen Ungleichheitsmaße sprenge. Die chinesische Ökonomie sieht er in der Nachfolge der in Europa und den USA beheimateten Profiteure der Externalisierungsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Und jetzt wohin?, fragt Conrad Schuhler abschließend. Das Warten auf den „sechsten Kondratieff“, den nächsten Innovations- und Wachstumsschub des Kapitalismus, wird so ergebnislos sein wie Becketts Warten auf Godot. Auch das Warten auf den „abspaltsparen“ Teil der kapitalistischen Eliten hält er für hoffnungslos. Im neoliberalen Kapitalismus sprudeln die Profite wie nie. Dem Platzen der Geldblase sieht das große Kapital gelassen entgegen: Es vertraut darauf, dass „ihre“ Staaten für die Verluste aufkommen. Entscheidend wird deshalb sein die Stärke eines „dritten Pols“ gegen neoliberalen Kapitalismus und ethnonationalistischen Protektionismus. In einer „linken Erzählung“ werden sechs Elemente aufgeführt, deren erste und wichtigste lautet: Es muss weltweit zu einer gerechten Verteilung von Lebenschancen kommen. Eine solidarische Lebensweise kann es nur global geben oder gar nicht.

Inhalt

Editorial

  1. Leo Mayer: Globaler Kapitalismus vs. Protektionismus
    1. Welthandel lahmt
    2. Aufbau lokaler Produktion
    3. Wandel der Produktionsnetzwerke
    4. Schwäche des Welthandels: „neue Normalität“
  2. Franz Garnreiter: Kapitalistische Globalisierung: Triebkraft für Akkumulation und Hemmnis für die menschliche Entwicklung
    1. Tiefgreifende Umbrüche in der Weltwirtschaft
    2. Voraussetzung und Inszenierung der Globalisierung
    3. Folgen der Globalisierung: Überkapazitäten und Konkurrenzintensivierung
    4. Wie weiter mit der Globalisierung: Gelingt eine nachholende Entwicklung weltweit?
  3. Charles Pauli: USA: Mauern gegen Globalisierung?
    1. Die Position der USA in der Weltwirtschaft – Bedeutungsverlust?
    2. Keine Deindustrialisierung
    3. Leistungsbilanzdefizite: Schwäche der US-Wirtschaft
    4. Fazit: Zwei Hauptprobleme der US-Wirtschaft
    5. Trump: Alles neu?
  4. Charles Pauli: Europa in der Zerreißprobe
    1. Warum fällt Europa ökonomisch auseinander?
    2. Divergenz und weitere Entwicklung
    3. Die Zukunft der EWU: fünf (unvollständige) Szenarien
  5. Fred Schmid: China im globalen Kapitalismus
    1. Nachholende Industrialisierung und extensives Wachstumsmodell
    2. Umbau des Wachstumsmodells: Stärkung der Binnennachfrage
    3. „Made in China 2025“: Chinas Aufstieg zur High-Tech-Macht
    4. Grenzen oder neue Perspektiven der Globalisierung aus chinesischer Sicht
  6. Stephan Lessenich: Grenzen der Ausbeutung? Wie der globale Norden über die Verhältnisse des Südens lebt
    1. Die Lebenslügen des Wohlstandskapitalismus
    2. Externalisierung als Reproduktionsmechanismus kapitalistischer Vergesellschaftung
    3. Lebenslügen – revisited: „Unser“ Wohlstand und die Kreuzung von Externalisierungskreisen
    4. Lebenslügen – revisited: „Unsere“ Demokratie und der geheime Gesellschaftsvertrag
    5. Lebenslügen – revisited: „Unser“ Frieden und die Rückkehr der Gewalt in den Zentren des globalen Kapitalismus
  7. Conrad Schuhler: Und jetzt wohin?
    1. Die Zukunft des Kapitalismus oder Warten auf Kondratieff
    2. Gegen neoliberale Globalisierung, ethnonationalistischen Protektionismus – die linke Alternative einer soliarischen Welt
    3. „Doppelte Transformation“ durch eine Allianz der Linken mit dem rationalen Teil der kapitalistischen Machtelite?
    4. Elemente der „Erzählung“ der Linken