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Die Welt gemäß der Linken…? Zur Kritik des bipolaren Denkens
erscheint: 26. April 2018
Umfang 8 Seiten
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Beschreibung

Stephan Lessenich, Soziologieprofessor an der Münchner Universität, verficht hier die These, dass die sozialistische Agenda universalistisch gedacht werden muss, sowohl sozial wie ökologisch. Das Ausspielen „unserer Armen“ gegen die „Armen außen“, die Verteidigung eines „nationalen Sozialstaates“ gegen Migranten und andere Ansprüche von außen, sieht er auch bei Teilen der Linken, und er klassifiziert dies als ideologische Nähe zu Trump und anderen rechtspopulistischen, nativistischen Strömungen.

Diese Position hat ihm die Kritik auch mancher Marxisten eingetragen. Manche fühlen sich kollektiv abgestempelt als „nationale Sozialisten“. Tatsächlich handelt es sich bei der Lessenich-These um eine Kernidee des Marxismus, auch der Sozialdemokratie, auch des Anarchismus. Marx hat wiederholt drei Basis-Kriterien für eine solidarische Gesellschaft formuliert: die Überwindung des Geldes, die Überwindung der Erwerbsarbeit und die Überwindung des Nationalstaates. In der „Inauguraladresse der Internationalen Arbeiter-Assoziation“ erläuterte er, die Kapitalistenklasse nutze den Nationalstaat, um die Emanzipation der Arbeiterklasse zu verhindern, indem sie „mit Nationalvorurteilen ihr Spiel treibt“. (s. Daniel Deimling, Linksrechts? In: Makroskop). Dem entsprechend lautete die Schlussfolgerung des „Kommunistischen Manifests“: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Eine andere vehemente Kritik des Universalismus, wie ihn Lessenich vertritt, wird im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung in der Partei Die Linke vorgebracht. (Die Linke hat den Streit nicht exklusiv. Er spielt eine große Rolle bei der SPD und den Gewerkschaften, auch bei den Grünen.) Das mit Katja Kipping personifizierte Lager der Universalisten wird als Projekt eines „bunten“ Neoliberalismus beschrieben, seine Forderung nach einer Solidarität über nationale Grenzen sei im Grunde eine neoliberale; ihr werden Wagenknecht und Lafontaine gegenübergestellt, die auf eine erneuerte sozialdemokratische Reformpolitik auf nationalstaatlicher Basis aus seien. Und Universalismus und nationaler Sozialstaat würden nicht zusammengehen. Was immer die Motive und Ziele von Wagenknecht und Lafontaine sein mögen, die Behauptung mancher ihrer Befürworter, internationale Solidarität sei letzten Endes eine Frucht des Neoliberalismus, ist von absurder Falschheit. Der Neoliberalismus versucht vielmehr, die kapitalistischen Profite zu maximieren, indem er die Nationen ein „race to the bottom“ veranstalten lässt, einen Wettlauf nach unten, was Löhne und soziale Leistungen anbelangt. Dem muss die Linke einen überregionalen, letztlich universalen Kampf um Gerechtigkeit und Gleichheit, um eine umweltverträgliche gesellschaftliche Lebensform gegenüberstellen.

Hat der Klassengegensatz „Oben gegen Unten“ eine Modifizierung durch den Kontrast „Drinnen gegen Draußen“ erfahren? Wir freuen uns über die Diskussion unserer Leserinnen und Leser.