Ende November 2025 machte Paris seine neue Afrikastrategie klar, militärisch mit der Vorlage des Berichts von „Monsieur Afrique“, Jean-Marie Bockel, und ökonomisch mit dem Besuch von Bola Tinubu, Nigerias Staatspräsident – bevorzugter Wirtschaftspartner – mit Südafrika und Äthiopien die größte Ökonomie des Kontinents und anglophon, wo doch bisher alle Präsidenten auf die frankophonen Länder gesetzt hatten. Geopolitisch privilegiert Nigeria die Beziehungen mit den USA und England. Kann Paris weiterhin seine neokoloniale Atommacht-Rolle spielen? Oder wird hier nur alter Wein in neue Schläuche gefüllt?

Am Montag, 25. November erstattete Jean-Marie Bockel dem Präsidenten Emmanuel Macron Rapport, betreffend die Militärbasen im Senegal, Tschad, in Cote d’Ivoire und Gabun. Sein Bericht „Rekonfiguration der französischen Truppen in Afrika“ (Le Monde) (1) empfahl eine „erneuerte Partnerschaft, die den von unseren Partnern geäußerten Bedürfnissen entspricht und mit ihnen unter voller Wahrung ihrer Souveränität ko-konstruiert wird“. Nach dem flexiblen Modell des US-Africa Command (Africom) soll die militärische Präsenz verringert werden. Africom hat den Kontinent in fünf geografische Zonen unterteilt: Nord-Süd-West-Ost-Mitte, nur Ägypten ist ausgeklammert und gehört zum „Central-Command“. Aber an der in all den militärischen Kooperations-Abkommen aufgeführten „vollen Wahrung der Souveränität“ der Gastländer darf gezweifelt werden, wo selbst im souveräner scheinenden Deutschland ausländisches Militär straflos morden kann. 

Nach „Agence France Presse“ wird das uniformierte Personal auf etwa Hundert reduziert - im Senegal und in Gabun von bisher 350, in Cote d’Ivoire statt der bisher 600 Soldaten. Doch demgegenüber sagte der senegalesische Präsident Bassirou Faye im Interview mit Le Monde am 29. November: „Es wird bald keinen französischen Soldaten im Senegal geben.“ (2) Im Tschad sollten nach diesen Plänen etwa 300 Militärs verbleiben anstatt bislang 1000. Doch mit dem Aufkündigen des Militär-Abkommens des Tschad verliert Frankreich seinen letzten Alliierten im Sahe. (3)

In der Elfenbeinküste hatte die französische Armee bereits im Juli 2024 offiziell ihren Militärstützpunkt aufgeben müssen, bevor Proteste im Land den bevorstehenden Wahlkampf beeinflussen können. Im Januar wurden von der französischen Armee die geleerten Kasernen übergeben, aber ab August 2025 wird ein Colonel ein kleines Kontingent von 70 Mann in der Hauptstadt Libreville befehligen. (4)

Auch Benin „dient als Versuchsgebiet für die neue Militärstrategie“ erklärte die Kommunistische Partei Benins in einen Kommunique. Die aus der Konföderation der Allianz der Sahelstaaten AES ausgewiesenen Truppen bezogen ein Camp in der Region Kandi neben der beninschen Militärbasis und in einer anderen unauffälligeren Basis im Landesinneren bei Segbana. Offiziell als „Ausbilder“ sind die französischen Soldaten verstreut unter dem beninschen Militär. So kann Präsident Patrice Talon gegenüber dem Nachbarn Niger die Präsenz französischer Militärbasen abstreiten. Niger hält die Grenzen zu Benin geschlossen und prangert die von Benin aus gesteuerten Anschläge terroristischer Gruppen an. (5)

Dass die französische Bourgeoisie nicht gewillt ist, ihrimperialistisches Selbstverständnis und ihre neokoloniale Weltmachtrolle aufzugebenbeweistdie brutale Unterdrückung der lokalen Unabhängigkeitsbewegungen – von Westindien (Guayane, Martinique) über Afrika (Reunion, Mayotte) bis zu Inseln in Polynesien (Tahiti u.a.). Offensichtlich wird auch die militärische Sicht Frankreichs stärker nach Osten in Richtung China ausgerichtet, rekalibriert. (6) Im Indischen Ozean bilden die ehemaligen Kolonien, und heute einverleibten DROM/COM Gebiete eine Perlenkette von militärischen Stützpunkten. Eine blutige Logik, in Neukaledonien den Aufstand der Kanaken zur Jahreswende brutal niederzuschlagen.In Madagaskarwurde der ehemalige strategische (bis 1973 französische) HafenDiego Suarez – jahrzehntelang vernachlässigt – nun Gegenstand eines vom französischen Außenministerium unterstützten Sanierungsplans. (7) Die französische Entwicklungs-Agentur AFD solle die ersten Arbeiten mit 5 Mio. Euro finanzieren. Doch die madegassische Regierung zögerte und wartete ab. (8)

Für die französische Monopol-Bourgeoisie steht „le Changement de logiciel“, eine Trendwende, an, denn der Marktanteil im Handel mit Afrika ist von 5,5 % im Jahr 2017 auf 3,2 % im Jahr 2023 gesunken. (9) Darin Waffenexporte, die nach dem Parlaments-Rapport vor allem nach Marokko, Ägypten, Senegal und Angola flossen. (10) Für Le Monde ist der Fokus auf anglophone Länder ein Symbol. Der nächste Afrika-Frankreich-Gipfel 2026 geht zum ersten Mal nicht in ein Land der Frankophonie, sondern nach Nairobi in Kenya.

Ökonom Kako Nubukpo aus Togo, kritischer Autor von „L’Afrique et le reste du monde. De la dependance a la souverainete“ erinnert, dass diese „Orientierung nicht neu ist, allerdings habe die Sahel-Krise diese Dynamik beschleunigt, seit sich die Militärputschisten, die sich Russland angenähert hatten, Frankreich aus Mali, Burkina Faso und Niger gejagt hatten.“

Offensichtlich konzentriert sich Präsident Macron auf die größte Ökonomie Afrikas, Nigeria. Nach Daten der Generaldirektion des französischen Zolls ist im letzten Jahr Nigeria zumfranzösischen Handelspartner Nr. 1 in Afrika geworden, vor Südafrika, Elfenbeinküste und Angola.Mit über 220 Mio. Einwohner und einem Bruttosozialprodukt über 500 Mrd. Dollar ist das Land ein unverzichtbares Einfallstor auf den afrikanischen Markt.

Hunderte von französischen Unternehmen beschäftigen über 20.000 Nigerianer, zwei Drittel der französischen Direktinvestitionen in Westafrika gehen in dieses Land. (11) Seit 2008 hatte die staatliche Entwicklungs-Agentur AFD über 2 Mrd. Dollar investiert, um u.a. die Wirtschaft zu diversifizieren

Nigeria, größter Öl-Exporteur Afrikas, war lange enger Partner von Total. Und Öl und Gas bleiben ein „core-business“. Patrick Pouyanne, CEO von Total Energies ist bereit, „Milliarden Dollar“ in Nigeria zu investieren, aber in Projekte der Erneuerbaren Energie wie im Norden Nigerias, wo sich bewaffnete Gruppen wie Boko Haram umtreiben. Dabei hatte er noch im Mai auf dem Africa CEO Forum eine 6 Mrd. Dollar-Investition in Angola vorgezogen.

Im Sektor Telekom erkundet Orange den nigerianischen Markt, über 50 % der Bevölkerung ist noch ohne Anschluss.

Nollywood, in Lagos und Kano ansässigen Filmemacher, waren auf dem Cannes Film Festival im Mai stark vertreten. Die französische Filmindustrie ist offensichtlich dabei, über Senegal und Nigeria frischen Wind in die Kinos zu tragen, das Gesicht der afrikanischen Mittelklasse zu zeigen.

Im November 2024 kam der nigerianische Präsident Bola Tinubu, begleitet von einer großen Wirtschaftsdelegation, für drei Tage nach Paris. Aliko Dangote, der reichste Mann Afrikas, Tony Elumelu, Mike Adenuga, um auf einem illustren Treffen des „France-Nigeria-Business-Council“ mit französischen Partner Geschäfte auszuloten. Die nigerianischen CEOs des Fintech-Unicorns Flutterwave, der im CO2-Handel erfolgreiche Shoreline Group oder dem PC-Produzenten Zinox Group, alleiniger Partner von Microsoft und Intel in Nigeria, warben für eine breitere Vernetzung. (12)

Präsident Macron kündigte seinen Besuchern an, dass die AFD, die staatliche Entwicklungs-Agentur Frankreichs 348 Mio. Dollar in Schlüsselsektoren investiert. In nur zwei Jahren habe sich „Präsident Macrons Strategie des engen Engagements mit afrikanischen Wirtschaftsführern ausgezahlt“, so Banken-Chef Aig-Imoukhuede, (Access Holdings) und Präsident des Franco-Nigerian Business-Councils

Nun kam nur drei Monate später Bola Tinubu erneut nach Paris, auf der Durchreise zum Gipfel der Afrikanische Union in Addis Abeba am 12. bis 16. Februar 2025 – ein demonstratives Zeichen für die neue Ausrichtung zu anglophonen Staaten. (13) Versteht sich, dass das fünfköpfige Kandidatenkarussel für die Neuwahl des AU-Kommissionspräsidenten besprochen und bewertet wurde. Remy Rioux, Generaldirektor der AFD und Herausgeber von „L’economie Africaine 2025“ deutete einen Strategiewechsel anlässlich der Vorstellung des Buches an. Er wies im Januar 2025 darauf hin, dass zwar das Budget um 10 % auf 5,5 Mrd. Dollar ansteige, aber die Kredite der Agentur weniger in sozio-kulturelle Projekte, sondern eher in rentable Projekte wie in erneuerbare Energie fließen würden. (14)

Für die nigerianischen Unternehmen wäre es jedoch entscheidend, dass Frankreich die „Industrialisierung Nigerias stärker unterstützt und sich für die Aufwertung der lokalen Wertschöpfungsketten einsetzt“, meint die französische Zeitschrift „Jeune Afrique“. (15)

Denn auch aus den konkurrierenden BRICS-Staaten zeigt sich gesteigertes Interesse, die Industrialisierung Afrikas voranzutreiben. So sind die Direktinvestitionen (IDE) allein im Juni 2024 um 189 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. (16)

Was für die nigerianische Bevölkerung entscheidend wäre, steht auf einem anderen Blatt. Nigerias Bourgeoisie findet in Frankreich nicht nur einen ökonomischen Partner, sondern auch politisch-militärische Unterstützung gegen einen Domino-Effekt, der sich aus den revolutionären Umwälzungen in der Konföderation der Allianz der Sahelstaaten Mali, Burkina Faso und Niger(AES), aber auch im Senegal ergeben kann.

Nach der „Niamey Declaration“, von der West African Peoples Organisation (WAPO), Pan-Africanism Today und International Peoples Assembly initiiert und am 19. November beschlossen, ist die AES „ein erstrebenswertes Entwicklungsmodell für andere afrikanische Nationen“, …. diese Regierungen haben patriotische Maßnahmen ergriffen, um die politische und wirtschaftliche Souveränität über ihre Territorien und natürlichen Ressourcen zurückzuerlangen …. genießen derzeit eine breite Unterstützung durch ihre Bürger, die diese revolutionären Aktionen vorantreiben und unterstützen. Diese Einigkeit ist für die Verwirklichung demokratischer und patriotischer Ideale von entscheidender Bedeutung… Damit wird das Erbe der panafrikanischen Führer wiederbelebt und ein konkreter Schritt in Richtung echter Unabhängigkeit und panafrikanischer Einheit getan.“ (17)

28. Nov. 2024, last updated 8. Febr. 2025

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Fußnoten

(1) Le Monde 26. Nov. 2024: „Le rapportsur la reconfiguration du dispositifmilitairefrançais en Afriqueprésentéà Emmanuel Macron“

(2) Le Monde 29. Nov. 2024: „BassirouDiomaye Faye: «Il n’yaurabientôt plus de soldatsfrançais au Sénégal“

(3) JeuneAfrique 29. Nov. 2024: „Rupturemilitaireavec le Tchad, Paris perdsondernieralliéstratégique au Sahel“

(4) AfricaIntelligence 6. Febr. 2025: „Comment Paris redessinesacooperationmilitaireavec Libreville“

(5) Investig’action 22. Jan. 2025: „Unenouvellestratégiemilitaire du néo-colonialismefrancais en Afrique“

(6) L’Express 9. Aug. 2024: „OCÉAN INDIEN - Madagascar organise le 5e sommet des chefs d’État de la COI“

(7) AfricaIntelligence 15. Juli 2024: „Le plan de Paris pourressusciter la basemilitaire de Diego-Suarez“

(8) Afrika Intelligence 4. Okt. 2024: „Antananarivo fait patienter Paris pour la réhabilitation de la base de Diego-Suarez“

(9) Le Monde 28. Nov. 2024: „Le Nigeria, payspivot de la politiqueafricained’ Emmanuel Macron“

(10) JeuneAfrique 7. Jan. 2025: „Ventes d’armesfrancaises en Afrique: Algerie, Maroc, TchadouEgypte, quiest le plus gros acheteur?“

(11) TV5 Monde 26. Nov. 2024: „En Afrique, la France en quête de partenariatséconomiquessanspassifcolonial“

(12) The Africa Report 26. Nov. 2024: „ForFrance’s Macron, Nigeria isno ‚secondact‘ in Africa“

(13) Afrik.com 5. Febr. 2025: „France-Nigeria: Tinubu à Paris, nouvelledonnediplomatiqueafricaineour Macron“

(14) JeuneAfrique 29. Jan. 2025: „Pour continuer à travailler en Afrique, l*AFD a un plan“

(15) JeuneAfrique 28. Nov. 2024: „France-Nigeria: du pragmatismeéconomiquemaispasseulement“

(16) JeuneAfrique 29.Nov. 2024: „Le Nigeria attire plus d'unmilliard $ de capitaux des BRICS, en hausse de 189%“

(17) Consortium News 10. Dez. 2024: „Vijay Prashad:Africa Says France Must Go“