Dass Kritik eine Art «demokratischer Pflicht» ist, auf diese Grundannahme könnte sich wohl eine Reihe von Wissenschaftler:innen verständigen, die sich mit der Verknüpfung von politischen und wirtschaftlichen Machtinteressen in unserer Medienlandschaft beschäftigen – beispielsweise die Vertreter:innen einer kritischen politischen Ökonomie der Medien. Das ist ein Theorieansatz, der in Deutschland (fast) ausgestorben ist, sich außerhalb Deutschlands aber wachsenden Interesses erfreut. Das Standardwerk dazu ist das 1988 erschienene Buch «Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media». Darin argumentieren die Autoren Edward S. Herman und Noam Chomsky, dass Massenmedien «wirkungsvolle und mächtige ideologische Institutionen sind, die eine systemerhaltende Propagandafunktion erfüllen. Sie stützen sich auf die Kräfte des Marktes, internalisierte Annahmen und eine Selbstzensur.»[1] Laut Herman und Chomsky sind demokratische Gesellschaften also keine ideologiefreien Räume. Vielmehr sind Demokratien auf Ideologien angewiesen. An ihnen machen sich die Grundfesten bestehender Verhältnisse fest – beispielsweise die als natürlich erscheinende Verbindung zwischen demokratischer Ordnung und kapitalistischer Produktion, die Orientierung am Individuum (statt dem Kollektiv) als Kern der gesellschaftlichen Ordnung oder am Konsum als sinn- und identitätsstiftender Aktivität (statt politischer oder gesellschaftlicher Arbeit).

Eine weitere Grundannahme von Herman und Chomsky ist, dass die öffentliche Meinung mithilfe von Medien zur Aufrechterhaltung dieser Überzeugungen und gesellschaftlicher Verhältnisse (nicht zu deren Überkommen) angehalten wird. Das passiert in einem Zusammenspiel verschiedenster interessierter Kreise in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Diese Kreise profitieren nicht nur vom aktuellen Status quo. Aufgrund ihrer privilegierten gesellschaftlichen Stellung haben sie auch am ehesten Zugang zu den etablierten Medien (beispielsweise durch die Produktion und den Vertrieb von Informationen etc.).

Mithilfe ihres «Propagandamodells» zeigen die Autoren, welche Filter in der täglichen Produktion von Nachrichten eine zentrale Rolle spielen. Das heißt, sie zeigen, welche Zwänge und Logiken Informationen erst zu den Nachrichten machen, die uns Medienkonsument:innen präsentiert werden. Zu diesen Filtern gehören der Einfluss marktbeherrschender Medienkonzerne sowie die Geschäftsinteressen der Werbekunden. Beide sind getrieben von Markt- und Profitinteressen, die sowohl auf die Produktion als auch auf den Inhalt von Nachrichten einwirken. Beispielsweise erscheinen in den kommerziellen Massenmedien kaum Berichte, die die kapitalistischen Eigentumsverhältnisse grundsätzlich infrage stellen oder nicht den Interessen des Werbemarktes entsprechen. Andere Filter sind die politischen und privaten Interessen sowie die ideologischen Scheuklappen der Medienproduzent:innen. Laut Herman und Chomsky haben beide einen wichtigen Einfluss darauf, was letztlich in welcher Form als Nachricht erscheint.

Ein weiterer wichtiger Filter sind die Nachrichtenquellen. Denn Medien benötigen einen steten Zufluss von Nachrichten. Die dürfen allerdings nicht viel kosten und müssen schnell und ständig verfügbar sein. Kaum eine Medieninstitution schafft es aber, immer vor Ort vertreten zu sein und ununterbrochen zu berichten. Daher sind Medien auf Zulieferer (wie Nachrichtenagenturen) angewiesen, die Informationen sammeln, bündeln und an die Redaktionen weiterleiten, oder auf Pressekonferenzen, auf denen kostengünstig und schnell Nachrichten generiert werden. Nachrichtenagenturen (als Gatekeeper) sowie Pressekonferenzen erlauben aber nur einigen wenigen Privilegierten den Zugang zu den Medien. Laut Hermann und Chomsky folgt die Informationsfilterung so vor allem deren Interessen.

Ein gutes Beispiel ist hier die Deutsche Presseagentur (dpa). Sie ist die einzige große deutschsprachige Nachrichtenagentur und hat damit eine quasi monopolistische Stellung auf dem deutschen Medienmarkt. Laut einer im Jahr 2010 erschienenen Studie von Hans-Jürgen Arlt und Wolfgang Storz besteht der dpa-Journalismus «im Kern aus dem Zusammenfügen von Zitaten und Stellungnahmen der jeweils wichtigen Akteure rund um aktuelle wichtige, meist regierungsoffizielle Ereignisse».[2] Es werden kaum Verbindungen hergestellt oder die Ereignisse im Zusammenhang mit den ihnen zugrunde liegenden Motiven oder Interessen erläutert. Vielmehr dominieren meist die Sichtweisen offizieller Akteure, also vor allem von Vertreter:innen von Regierungen, großen politischen Parteien und wichtigen Verbänden. Damit bekommen sie die Deutungshoheit über aktuelle Vorkommnisse und Entwicklungen. In Bezug auf die Finanzmarktpolitik kommen Arlt und Storz zu dem Schluss: «Der finanzmarktpolitische DPA-Journalismus ist Trivialjournalismus.»[3]

Dennoch bestimmt dpa aufgrund ihrer dominanten Stellung sehr stark die tägliche Nachrichten-Agenda. Das ist umso problematischer, weil für Journalist:innen anderer Medien bei Agenturmeldungen nicht das Zwei-Quellen-Prinzip gilt. Das heißt, da dpa als privilegierte Quelle gilt, müssen Journalist:innen keine zweite Quelle mit gleichem Inhalt ausfindig machen. Und das, obwohl auch die Berichterstattung der Agentur nicht frei von Fehlern und Ungenauigkeiten ist.[4]

Zusätzlich bietet dpa nicht nur Journalismus. Die On-Demand-Einheit von dpa, die dpa-Custom Content, offeriert Unternehmen auch die Übernahme von Auftragsarbeiten im Content-Marketing sowie die Planung von Themen für deren Kommunikation mithilfe der «redaktionellen Expertise» und des «weltumspannenden Netzwerk[s]» von dpa.[5] Laut Chomsky und Herman ist diese Verbindung von Public Relations und Journalismus im täglichen Nachrichtengeschäft eher Regel als Ausnahme. Mittlerweile habe jede größere politische Organisation und jedes größere Unternehmen PR-Agenturen oder Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit. Journalist:innen auf Pressekonferenzen erhalten von ihnen beispielsweise schon vorgefertigte Handouts mit Hauptthesen oder sogar Zitaten. Journalist:innen bekommen also präsentiert, was sie schreiben könnten. Hinzu kommen Routinen (also festgesetzte Orte für Pressekonferenzen, Zeitpläne usw.), die helfen, Themen und Behauptungen bestimmter Institutionen und Akteur:innen in die Medien zu bekommen.

In dieser Hinsicht stimmt also die Behauptung, dass Medien und deren Macher:innen zum «Sprachrohr» von Institutionen werden (können). Denn Informationen, die von Institutionen (wie Parteien, Unternehmen, PR-Büros usw.) am meisten angepriesen und verbreitet werden, haben am ehesten die Chance, in den Medien platziert zu werden. Dieses Phänomen ist auch als «Agenda Setting» bekannt. Hinzu kommt, dass mit dem Wegbrechen potenzieller Finanzquellen (also Werbekunden) oder informationeller Ressourcen (also Informationsträger:innen wie Politiker:innen) die Existenz eines Medienunternehmens gefährdet wird. Laut Hermann und Chomsky führt das dazu, dass Medienkonzerne Regierungen und Unternehmensführungen eher positiv darstellen, um im Geschäft zu bleiben. Allerdings, und auch das zeigen die Autoren, handeln die Medien nicht als Einheit. Auch innerhalb von Redaktionen sowie zwischen Medieneinrichtungen und -macher:innen gibt es Interessenkonflikte. Zentral für die Nachrichtenproduktion sind die Quellengeber:innen, die zur Verfügung stehenden personellen und zeitlichen Ressourcen und die Verwertungsansprüche der Medien auf dem Nachrichtenmarkt.

Hermann und Chomskys «Propagandamodell» bietet ein Analyseinstrument, um sich mit den Möglichkeiten und Zwängen eines privatwirtschaftlich organisierten Medienmarkts kritisch auseinanderzusetzen. Es verweist auf die Bedeutung der Routinen des Nachrichtengeschäfts genauso wie auf die der wirtschaftlichen und politischen Anliegen und Interessen der Medieninstitutionen selbst. Anders als in den USA haben wir in Deutschland allerdings einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Außerdem haben sich seit dem Erscheinen von «Manufacturing Consent», unter anderem durch den Zusammenbruch des «Ostblocks» 1989/90 und die Digitalisierung der letzten Jahrzehnte, die Verhältnisse und ideologischen «Scheuklappen» in der Medienproduktion verändert. Das heißt, das ursprüngliche «Propagandamodell» (das seinerseits auch Kritik erfahren hat) kann nicht eins zu eins auf die heutige Situation übertragen werden.[6] Es bedarf einer Überholung, der sich eine Reihe von Wissenschaftler:innen verschrieben haben.[7] Dennoch sind auch im deutschen Medienbetrieb weiterhin ökonomische und politische Zwänge sowie Bevorzugungen wirksam und kommt es immer noch zu einer problematischen Informationsfilterung. Die Filter des «Propagandamodells» sind von daher weiterhin ein Instrument, mit dessen Hilfe man auch die Nachrichtenproduktion in Deutschland analysieren kann.

 

Dritter Auszug aus: Heiko Hilker, Jörg Langer und Mandy Tröger (2023). Glaubwürdigkeit von Medien und Medienvertrauen, in: Zwischen Anspruch und Auftrag. Die öffentlich-rechtlichen Medien in der Kritik, Luxemburg Beiträge, Berlin: Rosa-Luxemburg-Stiftung.

 

[1] Herman, Edward S./Chomsky, Noam: Manufacturing Consent: The Political Economy of the Mass Media, New York 2002.

[2] Arlt, Hans-Jürgen/Storz, Wolfgang: Wirtschaftsjournalismus in der Krise. Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik, hrsg. von der Otto Brenner Stiftung, Arbeitsheft 63, Frankfurt am Main 2010.

[3] Ebd.

[4] Siehe z.B. zur Falschberichterstattung zu den Anti-G8-Protesten in Rostock 2007 Niggemeier, Stefan:Chronologie einer Falschmeldung, 20.12.2021, unter: www.stefan-niggemeier.de/blog/444/chronologie-einer-falschmeldung-ii/.

[5] Deutsche Presse-Agentur (dpa), 16.12.2021, unter: www.dpa.com/ de/auftragsarbeiten/custom-content#leistungen.

[6] Vgl. Horowitz, David/Collier, Peter: The Anti-Chomsky Reader, San Francisco 2004.

[7] Exemplarisch: Zollmann, Florian u. a.: The Propaganda Model and Intersectionality: Integrating Separate Paradigms, in: Media Theory, Special Section: Edward S. Herman and the Propaganda Model Today 2/2, S. 213–239.


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1.Teil: Medienkritik als Gesellschaftskritik – Eine Einleitung)

2.Teil: Medienkritik als Gesellschaftskritik – Medien vertrauen